Josef Hofbauer Hilflos, ohnmächtig ausgeliefert! Mit diesen Worten beschreibt Elisabeth Endres (62) das Gefühl, als sie die Diagnose Leukämie erhielt. Damals war sie gerade dabei, sich von den Bestrahlungen auf Grund ihres Brustkrebses zu erholen. Ein Schock.

So wie bei Matthias Reuß. Der Ebermannstadter Software-Entwickler hatte sich einen Wirbel gebrochen und wurde deshalb in der Unfallchirurgie des Klinikums Regensburg operiert. Einen Tag bevor er entlassen werden sollte, am Geburtstag seiner Frau, eröffnete ihm der Stationsarzt die Schreckensdiagnose: "Ich kann Sie nicht entlassen, Sie haben Leukämie."

"So eine Diagnose verändert alles. Die Krankheit bestimmt urplötzlich dein Leben", betont Elisabeth Endres, die bis dahin nicht einmal einen Schnupfen gehabt hatte. Ihr eröffnete ein Mediziner im Forchheimer Klinikum angesichts der Befunde: "Sie müssen ihre Sachen regeln."

Die ganze Familie betroffen

Elisabeth Endres fühlte Symptome wie bei einer Virusgrippe, hatte Halsschmerzen und Zahnschmerzen. Sie ließ sich daraufhin komplett durchchecken. Eine Blutuntersuchung brachte die schreckliche Gewissheit: "Myeloische Leukämie". Die Blutbildung im Knochenmark war gestört. Jetzt auch noch Blutkrebs.

"Krebs betrifft nicht nur eine einzelne Person, sondern die ganze Familie", erinnern sich die Ex-Patienten. Das Schlimmste für die Angehörigen: Sie konnten nichts tun. Sie schwebten zwischen Hoffen und Bangen.

Für die Betroffenen gab es nur eine Chance zu überleben, eine Stammzellenspende. Die erlebten beide völlig unterschiedlich.

"Ich bin eine Meisterin im Verdrängen", gesteht Elisabeth Endres. An Angst-, vielleicht sogar Todesangst-Zustände kann sich die Forchheimerin nicht erinnern. "Vermutlich meine Familie", erklärt sie. Der Frau von Matthias hatten die Mediziner klar gesagt: "Bereiten sie sich auf den Todesfall vor."

"Bei mir überwog das Vertrauen in die Ärzte. Schließlich hatten die auch den Brustkrebs besiegt", erzählt Elisabeth Endres. Und die Hoffnung, dass ein Spender gefunden wird.

Als prägendes Erlebnis hat sich der Vorgang der Knochenmark-Spende in das Gedächtnis der damals 55-Jährigen eingebrannt. "Ich lag in meinem Schneewittchensarg, durch Glas hermetisch von der Außenwelt abgeschottet und fühlte, wie langsam in meinem Körper Wärme aufstieg. Es war, als kehrte das Leben in meinen Körper zurück", schildert Elisabeth Endres dieses eindrucksvolle Erlebnis.

Körperpolizei außer Gefecht

Matthias Reuß erlebte die Stammzellenspende nach eigenen Aussagen völlig unspektakulär. Die Spenderzellen waren früher als erwartet in der Klinik eingetroffen. "Meine Frau, die mir beistehen wollte, war da noch auf der Autobahn. Als sie kam, war alles vorbei", erzählt Reuß.

Viele, mit denen Elisabeth Endres und Matthias Reuß auf der Station lagen, haben es nicht geschafft. Bei der Transplantation von Knochenmark wird das Immunsystem total heruntergefahren. Da die Körperpolizei außer Gefecht ist, kann der kleinste Schnupfen tödlich sein.

Deshalb bekommen die Patienten starke Antibiotika und nicht minder heftige Mittel gegen Pilze und Viren. Täglich wird ein Blutbild gemacht, um zu sehen, ob die Transplantation anschlägt, ob sich weiße Blutkörperchen bilden. Es kann aber auch sein, dass der Körper die neuen Stammzellen abstößt oder die Stammzellen die Organe des eigenen Körpers angreifen.

Anteilnahme besonders wichtig

In dieser Zeit hätten die Ärzte gegenüber den Angehörigen betont, dass ihr Partner noch keineswegs "über den Berg" sei. Eine detaillierte Schilderung des Genesungsverlaufes kann aber keiner der beiden Patienten geben. Schon allein deshalb nicht, weil die Patienten Medikamente bekommen, damit der Körper das neue Immunsystem nicht abstößt. Da werde das Bewusstsein phasenweise schon etwas getrübt.

Als besonders wichtig für Patienten in einer solchen Extremsituation empfindet Elisabeth Endres die menschliche Anteilnahme. Hier spricht sie dem Team an Ärzten und Pflegekräften ein riesiges Lob aus. "Die waren meine zweite Familie, haben uns Patienten aufgefangen, Mut gemacht und auf die Rekonvaleszenz zuhause vorbereitet."

Nicht hängen lassen

Bei Matthias Reuß waren das die Telefonate via Skype und die Videobotschaften an seine beiden Töchter. Als Elisabeth Endres wieder nach Hause durfte, war ihr klar: "Ich darf mich nicht hängen lassen, muss selbst dazu beitragen, wieder gesund zu werden. Ich habe wieder angefangen, mich zu schminken, habe darauf geachtet, in Bewegung zu bleiben." Ebenso klar war für die Patientin: "Die Krankheit darf nicht länger Mittelpunkt meines Lebens sein." "Angespannt, aber voller Zuversicht", beschreibt Endres ihre Gefühlswelt bei den zunächst engmaschigen, dann immer selteneren Blut-Kontrollen. Mit jeder Bestätigung, dass die Blutwerte in Ordnung sind, dass die Genesung nach Plan verläuft und das neue Immunsystem seine Arbeit aufgenommen hat, stieg die Zuversicht, in ein normales Leben zurückkehren zu können.

Zu den Kontrollen in die hämatologische Ambulanz fuhren beide anfangs stets mit gepackten Koffern. Für alle Fälle.

Die ersten Schritte in den Garten, die erste Fahrt mit dem Bus in die Stadt unternahm Elisabeth Endres nur mit Mundschutz. "Im Zuge meiner Wiedereingliederung in den Beruf bin ich ein ganzes Jahr mit Mundschutz zur Arbeit gefahren", verrät Matthias Reuß. "Die ersten Jahre desinfizierten alle nach jedem Einkauf die Hände. Das war immer, wenn wir außer Haus waren", verrät Matthias Reuß. Sicher ist sicher.

Frage der Gewohnheit

Beibehalten hat er auch die Angewohnheit, grundsätzlich mit Kappe aus dem Haus zu gehen. "Das wäre jetzt medizinisch nicht mehr notwendig, aber ich hab' mir das halt so angewöhnt." Heute schüttelt Matthias Reuß den Menschen auch wieder die Hände. Das war lange Zeit ein Tabu, es wäre viel zu gefährlich gewesen. "Ich habe mich immer auf mein Bauchgefühl verlassen und bin damit gut gefahren", erzählt Elisabeth Endres, die zurückblickend feststellt: "Die Krankheit hat mir auch etwas gebracht. Ich lebe jetzt bewusster." Sie habe auch gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse anzumelden. Die hatte sie bis zu ihrer Krankheit immer zurückgestellt. "Ich bin vielleicht ein Stück egoistischer geworden", findet die Forchheimerin, die sicher ist: "Da wurde in meinem Kopf ein Schalter umgelegt."

Dem Lebensretter gedankt

Beide Patienten haben auch versucht, mit ihrem Stammzellen-Spender Kontakt aufzunehmen. Elisabeth Endres schickte ihm/ihr einen handgeschriebenen Brief, um sich bei dem Lebensretter zu bedanken. Die ebenfalls handgeschriebene Antwort. "Es gibt zu viele Menschen auf der Welt, die leiden, für die eine Spende zu spät kommt oder nicht hilft. Umso mehr freut es mich, dass ich helfen konnte."

Matthias Reuß hatte sogar mehrfach Kontakt mit seinem Lebensretter. Als aber dann Adressen ausgetauscht werden sollten, hat der sich nicht mehr gemeldet.