Was macht Yu Mi Lee aus? Dieser Frage dürften die Besucher von "Weltklassik am Klavier - Bunte Vielfalt" begegnet sein. Irgendwo zwischen Bach und Elgar, zwischen Barock und dem 20. Jahrhundert. 50 zahlende Besucher wohnten im Stadtschloss Virtuosität bei.

Christine Wittenbauer sprach ein gutes Wort aus: "Endlich". Endlich also, so die Stadtarchivarin während der Begrüßung von Yu Mi Lee, sei Kultur wieder erlebbar. Aus Platz- und Coronagründen im Stadtschloss und nicht, wie bei der Reihe "Weltklassik" üblich, in der ehemaligen Synagoge. Und so saß man dann erneut, wie schon zu anderer Gelegenheit zwei Tage zuvor und ähnlich wie in einer Schulprüfung, an Tischen im Saal und mit Blickrichtung Bühne. Dort saß die Südkoreanerin am Steinway und ließ auf ihre Emotionen blicken; die Frau durchlebte, durchlitt und - falls es das Wort jemals geben sollte - durchfreute das, was ihre Hände formten. Dabei ließ sie Bach weniger streng als vielmehr lyrisch klingen, all die Wesensänderungen berücksichtigend, die in der Partita Nr. 1 B-Dur BWV 825 seit rund 280 Jahren stattfinden.

Weich und elegant

Tatsächlich ist Yu Mi Lees Spiel auch dort gefällig weich und elegant, wo sich noch komplizierteste Kompositionen in Verschränkungen ergehen. Gleiches mit Beethoven, dem Energischen, dem, der zwei Tage zuvor an gleicher Stätte gar als einer der ersten Rock 'n' Roller bezeichnet wurde. In seiner Sonate Nr. 9 E-Dur ergriff Lee Gelegenheit, Töne schwebend auszulegen. Großartig, wie sie die Verspieltheiten im Allegro betonte, sich die Brüche im Allegretto abverlangen ließ und über allem doch in einer Art wohltuendem Fluss blieb. So viel zu Bach und zu Beethoven, ähnliches später auch zu Schumann, Mozart oder Chopin. Aber wer war eigentlich Milij Balakirev (1837-1910)? Diesen selten gespielten russischen Komponisten, Dirigenten und Pianisten hatte Lee auch im Gepäck. Eine interessante Type, die sich erst dem Schreiben eleganter Salonstücke widmete und in späteren Jahren einen russischen Nationalstil zu schaffen suchte. Sein Stück "Die Lerche" ist die Transkription eines Werkes von Glinka, ein klangliches Gebilde voll zartfühlender Melodik, Quirligkeiten und Tempowechseln. Es war gleichsam stilistischer Kontrastpunkt zu so ziemlich allem, was der zweite Teil des Konzerts zwischen Mozarts Alla Turca oder Chopins Grand Polonaise Es-Dur op. 22 bereithielt.

Abermals war Lee nach Lichtenfels gekommen, abermals hinterließ sie Eindruck. Der Applaus für sie brandete auf, hielt an und begann sich zu synchronisieren. Daraus ergab sich ein drängender Takt, der sie für Zugaben auf die Bühne zwang. Am meisten Freude daran schien die europaweit gefragte Yu Mi Lee selbst gehabt zu haben.