Erzbischof Ludwig Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, plädiert für eine Welt der Klima- und Umweltgerechtigkeit im Licht des Evangeliums. Für Deutschland liegen die neun Länder Amazoniens in weiter Entfernung. Warum betrifft die Amazonas-Synode in Rom auch andere Kontinente?

Ludwig Schick: Wo ein Glied leidet, leiden alle anderen mit. Wo ein Glied sich freut, freuen sich alle Glieder mit, schreibt Paulus im Korintherbrief. Das gilt für die katholische Kirche seit eh und je, weil sie katholische-weltumspannende Kirche ist und die ganze Kirche einen Leib bildet. In Amazonien leidet die Urbevölkerung an den Folgen des Klimawandels sowie durch politische Entscheidungen und Maßnahmen, die ihr den angestammten Lebensraum nehmen.

Die Synode soll sich für sie engagieren. Die Menschen dort sind unsere Brüder und Schwestern. Wir sorgen uns um sie. Amazonien ist darüber hinaus für das Klima, das weltweit keine Grenzen kennt, äußerst wichtig. Die Klimaveränderungen in Amazonien betreffen auch uns. Die Kirche Amazoniens versteht sich als Stimme zum Schutz der Lebenswelt am Amazonas, insbesondere der indigenen Bevölkerung. Menschenrechte und politische Anwaltschaft sind zwei wesentliche Stichworte in diesem Zusammenhang. Wie können Christen hierzulande dabei Unterstützung leisten?

Das Interesse an der Situation der Menschen in Amazonien ist bereits eine Unterstützung für sie. Zweitens sollen wir für sie beten. Drittens können wir Solidarität zeigen durch Achtsamkeit beim Kaufen und Verbrauchen; fair gehandelte Produkte sind ein Beitrag zum Schutz der indigenen Bevölkerung Amazoniens. Zurzeit werden Wälder in Amazonien gerodet, um Soja anzubauen, was wiederum für die Mastbetriebe von Rindern benutzt wird. Wer sich fleischreduziert und aus der eigenen Region ernährt, tut - zumindest indirekt - etwas für die Bevölkerung in Amazonien.

Das Amazonasgebiet steht paradigmatisch für andere wichtige ökologische Räume der Erde und gilt als ihre grüne Lunge. Wenn diese nicht mehr richtig atmen kann, geht es auch Europa schlechter. Was kann jeder tun, um diese Lunge gesund zu erhalten?

Sparsamkeit im Wasserverbrauch, Energiesparen, Möbel kaufen, die nicht aus Holz von Amazonien gefertigt sind, sind nur ein paar Möglichkeiten, um das Amazonasgebiet als grüne Lunge und Lebensraum für die indigene Bevölkerung zu bewahren.

Kann das Evangelium in diesem Teil der Erde mit einem eigenen amazonischen Gesicht verkündet werden?

Das Evangelium kann überall verkündet werden und spricht den Menschen zu Herzen, weckt Hoffnung und Vertrauen, schenkt Energie und Kraft, um das Leben im eigenen Lebensbereich in die Hände zu nehmen, zu gestalten und die Zukunft zu bauen. Das Evangelium ist eine Botschaft der Befreiung und der Freiheit. Es gibt dem Leben mehr Leben, auch in Amazonien. Ein vorrangiges Ziel der Amazonas-Synode ist es, "neue Wege für die Kirche und für eine ganzheitliche Ökologie" zu erschließen. Wie könnten solche Wege aussehen?

Die Deutsche Bischofskonferenz hat zehn Punkte für eine ganzheitliche Ökologie aufgestellt und publiziert. Sie gelten hier wie dort, und wenn wir sie beherzigen, können wir dem Klimawandel, der sich zum Schaden für die Menschen und die ganze Schöpfung heute und noch mehr in der Zukunft auswirkt, gegensteuern. Dazu ist jeder aufgerufen und auch jeder befähigt.

Das Gespräch führte Marion Krüger-Hundrup