Ein spärlich beleuchtetes Klassenzimmer. Acht Einzeltische, die in der Raummitte zu einem Kreis aufgestellt sind. Neben der Tafel eine Waage. Außerhalb der Graf-Stauffenberg-Schule Bamberg ist es längst dunkel geworden. Weit nach Schulschluss werden hier im zweiten Stock gleich unterschiedlichste Frauen eintreffen, die ein Vorhaben eint: Sie wollen etwas an ihrer Ernährung, ihrem körperlichen Wohlbefinden, ihren Gewohnheiten ändern.

Während die Branche der Ernährungsgebote und -verbote zu Jahresbeginn reichlich finanzielle Fettpölsterchen zulegt, hat die Weihnachtszeit mit Glühwein, Plätzchen und Festtagsmenüs so manche Hose zum Kleidungsstück schlankerer Tage werden lassen. Nicht jedoch bei der Gruppe von acht Frauen, die sich seit Oktober wöchentlich zum VHS-Kurs "lebe leichter" in Bamberg zusammenfinden.

"Grundsätzliche Unzufriedenheit"

Angeleitet von Christine Gehrig kommen sie zusammen, um im Laufe von zwölf Abendterminen ein leichteres Leben zu gewinnen. Dieses Ziel bezieht sich dabei nicht nur auf die wenig aussagekräftige Zahl auf der Waage, sondern um ein grundsätzlicheres Wohlbefinden. Und doch wiegen sich die Teilnehmerinnen zu Beginn des Abends. Sieben Kilo hat Corina seit dem Kursbeginn im Oktober schon verloren. Und das trotz der kalorienträchtigen Zeit mit Glühweinständen und einer vor Zuckerwatte duftenden Innenstadt. Corina, die vor allem aufgrund einer grundsätzlichen Unzufriedenheit zu dem Kurs gefunden hat, habe vor kurzem noch jede Treppenstufe als Last empfunden. Jetzt sei sogar die Lust am Sport zurückgekehrt.

Auch einen kalorienarmen Adventskalender gab es für die Teilnehmerinnen. Jeden Tag bekamen sie einen Impuls per Mail, der ihnen bei der Umsetzung der Ratschläge und Vorsätze helfen sollte. Trotz der Jahreszeit des Schlemmens abnehmen zu können, gelingt der Runde aber vor allem, da es statt einschränkender Regeln ein alltagstaugliches Gesamtpaket ist, das Kursleiterin Gehrig vermittelt.

Das Thema des heutigen Kurstermins lautet "lebe attraktiv". Die Teilnehmerinnen durften sich dabei im Vorfeld dazu ermuntern lassen, zu dem Termin in besonderer Kleidung zu erscheinen. Eva betritt den Raum als Letzte. Sofort fällt den anderen auf, dass sie sich heute in ein figurbetontes Kleid getraut hat. Man fühlt sich wohl hier. Die Runde ist wertschätzend, aufrichtig und humorvoll. Drei Attribute, die abseits von oberflächlichem Körperkult eigentlich für Schönheit stehen. Um diese Einsicht geht es an dem heutigen Abend besonders.

Gehrig hat den Raum mit Plakaten bestückt, die mit Sinnsprüchen beschriftet sind. Alle machen sie deutlich, dass unser Bild von Attraktivität in einer Welt von "Germany's next Topmodel" verschoben ist. Dass wir abseits von Photoshop-Fakes vor allem solche Menschen wirklich schön finden, die selbstbewusst mit den Eigenschaften umgehen, die sie einzigartig machen. Die Kursleiterin versteht es, die zahlreichen Erkenntnisse des Abends in prägnanten Worten zusammenzufassen: "Erst annehmen, dann abnehmen."

Den Leidenschaften mehr Raum geben

Jede Woche finden die Teilnehmerinnen ein Zettelchen mit einem Wochenziel auf ihrem Sitzplatz. Heute beginnen die Frauen mit: "Ich finde ein Ja zu mir selbst und mache das Beste aus meinem Typ." Schnell wird klar, dass der Kern von Christine Gehrigs Kurs nicht eine pauschale Essensvorschrift ist, sondern eine bewusstere Lebensweise, die jeder Mensch auf seine individuelle Art zur guten Gewohnheit machen kann. Hier muss niemand alleine sein Diätsüppchen essen, während die Freunde um einen herum genießen. Es geht vielmehr darum, seinen Leidenschaften wieder mehr Raum im Alltag zu geben, bewegter durch den Tag zu gehen, es geht um emotionale Stabilität, aber auch um weitaus simplere Aspekte, etwa den Einfluss der Körperhaltung auf die eigenen Attraktivität.

Birgitt, die mit ihrer Freundin extra aus den Haßbergen zum Kurs nach Bamberg fährt, berichtet davon, dass gescheiterte Diäten häufig zusätzlichen Stress für sie bedeuteten. Coach Christine Gehrig vermittle dagegen zuallererst mehr Lust am Leben. Das scheint gut zu funktionieren. Am heutigen Abend wird viel und laut gelacht. Die Tatsache, dass beim Lachen über 80 Muskeln im ganzen Körper aktiv sind, bringt die Frauen ganz nebenbei auch ihrem Wunschgewicht näher. Die Teilnehmerinnen sind ausgelassen hier, sprechen offen über die Dinge, die manche Menschen sich selbst gegenüber teils nur sehr schwer zugeben würden.

Echte Menschen, echte Probleme

Das ist der große Unterschied zwischen Christine Gehrigs Kurs und den aktuell kursierenden Ernährungstrends, Diätprogrammen und angeblichen Superfoods: Würde man diese in einer losen Liste versammeln, man könnte ohne Schwierigkeiten diese Zeitungsseite füllen. Nur lassen die Abnehmversprechen und perfekten Körper der Magazine und Blogs keinen Platz für das Individuum mit seinem ganz eigenen Körper und ganz eigenen Bedürfnissen. Hier im Kurs treffen echte Menschen aufeinander und das tut gut.

All jenen, die derzeit keine Möglichkeit haben, an einem ihrer Kurse teilzunehmen, rät die Kursleiterin, ihre Ziele schriftlich in einem Plan zu fixieren. In der Regel hielten sich Menschen dann besser daran. So habe es eine Rekordteilnehmerin nach Ablauf des Kurses tatsächlich einmal geschafft, ihr Gewicht zu halbieren. Ganz so weit sollten es die Damen der aktuellen Runde nicht treiben, aber die Treppenstufen in das Kurszimmer im zweiten Stock dürften sich für sie zum Abschlusstreffen nur noch halb so schwer anfühlen.