Steffen Standke

850 000 Menschen haben die Ukraine seit Kriegsbeginn am 24. Februar Richtung Deutschland verlassen; 14 000 davon leben nun in Unterfranken, berichtet Isabel Schauz, Referentin für Fachkräftesicherung bei der Industrie- und Handelskammer in Würzburg unter anderem mit Bezug auf Zahlen des Innenministeriums in Berlin. Etwa ein Drittel - also 5000 - könnten von ihrem Aufenthaltsstatus her in eine Beschäftigung starten.

Die meisten der Geflüchteten sind Frauen mit Nachwuchs. Deswegen stellt sich laut Schauz die Hürde der Kinderbetreuung. Aber auch deutsche Sprachkenntnisse seien wichtig. Mit dem Englisch, das viele Ukrainer beherrschten, könne man in die IT-Branche einsteigen. auch Betriebe, in denen ukrainisch oder russisch gesprochen würde, böten Chancen.

Ansonsten sind gewisse Deutschkenntnisse Voraussetzung dafür, eine eventuelle Ausbildung zu beginnen. Dann dauere es zwei bis drei Jahre, bis die Ukrainer dem deutschen Arbeitsmarkt voll zur Verfügung stehen würden. "Die, die hier sind, können den Fachkräftemangel nicht sofort decken." Chancen für die Flüchtlinge sieht die IHK-Referentin in Branchen, wo die Sprachkenntnisse keine so bedeutende Rolle spielen, wie der Gastronomie.

Noch inoffizielle Wege zur Arbeit

Die Handwerkskammer für Unterfranken hat extra eine Mitarbeiterin abgestellt, die Anlaufpunkt für ukrainische Arbeitswillige sein soll, berichtet Pressesprecher Daniel Röper. Schließlich herrscht auch und gerade im Handwerk Fachkräftemangel. Allerdings, so sagt er, "ist die Mitarbeiterin nicht sehr ausgelastet."

Das liege daran, dass die geflüchteten Ukrainer noch oft außerhalb offizieller Wege Beschäftigung suchen würden. Dabei nutzten sie meist Kontakte zu schon länger hier lebenden Landsleuten oder auch die Netzwerke Ehrenamtlicher, die sie schon bei der Ankunft in ihrer neuen Heimat halfen.

Nun müsse man sich die Qualifikationen jedes Einzelnen genauer anschauen und prüfen, wie das mit den Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt zusammenpasst. Als Problem sieht Röper, dass mit der Flucht häufig Nachweise über berufliche Qualifikationen verloren gegangen sind.

Dass die Ukrainer den akuten Fachkräftemangel sofort beheben, sieht auch der HWK-Sprecher wegen fehlender Deutsch-Kenntnisse und noch zu absolvierender Ausbildungen nicht.

Die für den Bereich Main-Rhön und damit den Landkreis Bad Kissingen zuständige Arbeitsagentur in Schweinfurt sieht sich derzeit einer wahren Flut an Anträgen ausgesetzt. Sprecherin Tanja Neppe nennt die Zahl von 1500, die bearbeitet werden müssten. Denn zum 1. Juni wechselte die Zuständigkeit für die geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer von den Kommunen auf die Jobcenter über. Sie werden nun nicht mehr nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, sondern nach dem Sozialgesetzbuch II (umgangssprachlich: Hartz IV) bezahlt.

"Man kann davon ausgehen, dass die meisten gut ausgebildet sind", sagt Neppe. Viele kämen mit akademischen Abschlüssen.

Dennoch vermittelt auch die Frau von der Arbeitsagentur den Eindruck, dass es dauern wird, bis ihre Behörde an die Vermittlung von Ukrainern in freie Stellen gehen kann. Denn der Antragstellung würden Erstgespräche folgen. Themen wären dabei sicher die Anerkennung von Berufsabschlüssen, das Sprachniveau und die Deutschkenntnisse sowie die Betreuung der Kinder.

Zwei Prozent haben eingestellt

Eine deutschlandweite Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg belege, dass zwei Prozent der Unternehmen schon ukrainische Geflüchtete aufgenommen haben. Neun Prozent standen mit welchen in Kontakt.

Vor allem die Gastronomie, aber das Verarbeitende Gewerbe sowie die Bauwirtschaft sehen demnach gute Voraussetzungen, Ukrainer zu beschäftigen. Aber auch der Sozialbereich suchte Beschäftigte. Auf den Agenturbezirk Schweinfurt oder gar Bad Kissingen heruntergebrochene Zahlen sind laut Neppe in der Studie nicht erhoben worden.