Der Karton hat die Größe eines Leitz-Ordners. Andreas Fröhlich klappt den Deckel hoch: zwei Netzteile, Kabel, ein kleines Gerät mit USB-Anschluss und weitere Bauteile, mit denen Studierende der Hochschule Coburg zu Hause am Computer Kennlinien und Parameter von Bipolar-Transistoren messen können. Zum Beispiel. Einige Experimente der Elektrotechnik gibt's an der Hochschule jetzt zum Mitnehmen.

Fröhlich klappt den Deckel wieder zu und nickt zufrieden. Als Studierendenvertreter der Fakultät Elektrotechnik und Informatik hatte er Mitspracherecht bei der Anschaffung der tragbaren Experimentierplattformen, denn diese wurden zum Teil aus Studienzuschüssen des Freistaates finanziert. Über deren Verwendung entscheiden die Studierenden mit.

"Experimente to go" sind in Corona-Zeiten eine gute Alternative zu Laborpraktika, die wegen der Pandemie auch im Wintersemester nur eingeschränkt möglich sein werden: Um den Mindestabstand einzuhalten, muss jeder zweite Platz frei bleiben. Labormeister Uwe Düßel erklärt, dass die Studierenden zwei Tage im Labor angeleitet werden. "Dann bekommen sie die Sachen mit und können die Versuche zu Hause probieren. Sie müssen Fehler machen können, müssen das selbst in die Hand nehmen." Das geht online nicht.

Vieles andere geht im Netz aber sehr gut. Lernvideos sind bei den Studierenden beliebt. "Die kann man auch früh um drei schauen. Und man kann sie öfter schauen", sagt Fröhlich. Daneben stehen Vorlesungsskripte und Übungsaufgaben zum Herunterladen im Online-Lernmanagementsystem Moodle. Dort können sich die Studierenden über Chats austauschen und in den Webkonferenzen bei den Lehrenden direkt nachfragen. "Das ist richtig wichtig für uns", betont Fröhlich.

Sowohl Studierende als auch Lehrende wünschen sich, dass nach Corona Elemente der Online-Lehre beibehalten werden, wie eine Umfrage der Hochschule ergeben hat. "Etwa 70 Prozent unserer Studierenden waren im Sommersemester sehr zufrieden mit der digitalen Lehre", sagt Professor Michael Lichtlein, Vizepräsident für Lehre.

Die Hochschule nutzt jetzt die Semesterferien, um sich fürs Wintersemester noch ein bisschen besser zu wappnen. "Das Sommersemester war ein Kraftakt", sagt Lichtlein. Verschiedene Programme, Plattformen und Möglichkeiten wurden ausprobiert. Nutzerfreundlichkeit, Datenschutz und technische Stabilität waren entscheidende Kriterien, und manches wurde schnell wieder verworfen. "Aber es haben sich auch tolle neue Möglichkeiten ergeben - das gefällt allen", sagt Lichtlein. Obwohl 42 Prozent der Lehrenden erstmals Erfahrungen in der digitalen Lehre gesammelt haben, sind 93 Prozent begeistert.

Die Hochschule investiert in neues Equipment für Live-Übertragungen und die Aufzeichnung von Vorlesungen. Dazu werden in den Hörsälen beispielsweise hochwertige Kameras und Mikrofone installiert.

Wechselnde Gruppen

Die Studierenden, die im Oktober in ihr erstes Semester starten, sollen so viel wie möglich an der Hochschule präsent sein, um die Einrichtung und ihre Mit-Studierenden kennenzulernen. "Unsere wichtigste Botschaft ist: Wir kümmern uns um Euch", sagt Lichtlein. Für höhere Semester gibt es je nach Studiengang unterschiedliche Lösungen. "Jede Fakultät hat ein Lehrkonzept fürs Wintersemester."

"Hybride Lehre" nennt zum Beispiel Professor Bernd Hüttl, Dekan der Fakultät für Elektrotechnik und Informatik, das dort entwickelte Konzept. Die "Experimente to go" sind zumindest teilweise eine Lösung für den Praxisteil. Außerdem wollte Hüttl es den jüngeren Semestern unbedingt ermöglichen, zu Vorlesungen in die Hochschule zu kommen. "Sie sollen sich treffen, Lerngruppen bilden und einen Ankerpunkt haben." Gleichzeitig muss aber das Hygiene- und Abstandskonzept eingehalten werden.

Diese Mischung aus Präsenz- und Onlinelehre übernehmen auch andere Fakultäten: Ein Viertel der Studierenden sitzt dabei in der Vorlesung, diese wird live in einen zweiten Hörsaal übertragen, wo ein weiteres Viertel der Studierenden teilnimmt. Die Hälfte der Studierenden verfolgt die Vorlesung per Live-Stream am Computer. Wöchentlich werden die Gruppen durchgewechselt.

Je nach Thema eignen sich unterschiedliche technische Mittel: "Bei uns in den MINT-Fächern, wo es viel um Formeln geht, müssen die Studierenden mitrechnen", sagt Hüttl. "Sie müssen den Dozenten nicht unbedingt sehen. Da ist auch der Visualizer eine gute Möglichkeit."

Hüttls Mitarbeiter Daniel Pflaum stellt die Funktionsweise in einem Hörsaal vor. Der Visualizer erinnert an einen Overheadprojektor, hat aber zusätzlich eine Kamera. Pflaum nutzt ihn beispielsweise im Tutorium "Grundlagen Elektrotechnik II", um nach und nach eine Berechnung zu entwickeln. Die Kamera filmt, was er schreibt; übers Mikrofon erläutert er die einzelnen Schritte der Berechnung. Die Studierenden draußen an den Rechnern hören ihn und können die Berechnung am Bildschirm mitverfolgen. Selber mitschreiben müssen sie nicht mehr - sie können alles später einfach herunterladen. nat