Zeitweilig war er richtiggehend verpönt, der Begriff Heimat. Inzwischen reklamiert ihn die junge Generation auch für sich. Mit Fug und Recht dürfen sich fränkische Juden und ihre Nachkommen, die den Holocaust durch Emigration überlebten, darauf berufen, dass eine der 14 ehemaligen jüdischen Gemeinden in der Region ihre Heimat war.

Die ersten jüdischen Gemeinden im hiesigen Gebiet entstanden vor rund 500 Jahren, als insbesondere kleine Landadelige neue Untertanen suchten und auch Juden Ansiedlungsrechte verliehen. Um 1850 stellten sie mancherorts - wie in Eckental-Forth - ein Drittel der Einwohnerschaft; mit der Industrialisierung und der rechtlichen Gleichstellung im 19. Jahrhundert und damit der Niederlassungsfreiheit nahm die Zahl der Mitbürger jüdischen Glaubens im ländlichen Raum stetig ab.

Um 1900 lösten sich deshalb etliche Gemeinden auf beziehungsweise wurden benachbarten zugeschlagen. Das betraf Erlangen-Bruck und Büchenbach, Lonnerstadt, Weisendorf, Vestenbergsgreuth, Kairlindach und 1919 Dormitz. In Erlangen, Adelsdorf, Baiersdorf, Mühlhausen, Forth und Ermreuth existierten die Gemeinden bis 1938 beziehungsweise bis zur Deportation der letzten jüdischen Bewohner 1942.

Nur wenige waren emigriert, zum Teil deswegen nicht, weil sie sich keine tödliche Verfolgung in Orten vorstellen konnten, die so lange ihre Heimat waren. Einige der Emigranten nahmen in späteren Jahrzehnten den Kontakt nach Deutschland wieder auf und besuchten ihre Geburtsorte, wie Albert Kimmelstiel, der zu der Gedenksteinenthüllung für die ermordeten Mitbürger in Forth aus den USA anreiste.

Seltene Schilderungen

Der Publizist Rafael Seligmann beschreibt im zweiten Band seiner familienbiografischen Romane "Hannah und Ludwig" die unterschiedlichen Haltungen, die aus Deutschland stammende und in Israel lebende Juden gegenüber ihrem ehemaligen Heimatland einnehmen. Das reicht von Übergangslösung mit baldmöglichster Rückkehr bis zur völligen Abkehr und Heimat in Zion finden.

Im ersten Band "Lauf, Ludwig, lauf" schildert er die größtenteils unbeschwerte Kindheit seines Vaters in der schwäbischen Landgemeinde Ichenhausen und die ersten Angriffe und Verhaftungen durch SA-Leute 1934, denen sich der junge Kaufmann Ludwig dank eines beherzten Polizisten durch Flucht nach Frankreich entziehen konnte. Mehrfach nennt der Autor eine für Ludwig tröstliche Erinnerung an den besternten Himmel als Decke der Ichenhausener Synagoge.

Adelsdorf war einst Rabbiner-Sitz

Vergleichbare Beschreibungen von oder über ehemalige hiesige Landjuden liegen nicht vor. Für sie müssen die Menschen sprechen, die sie noch kennenlernen durften. Die Weisendorferin Christiane Kolbet befasst sich seit vielen Jahren mit den untergegangenen jüdischen Landgemeinden im fränkischen Raum, besonders mit der Geschichte der einstmals bedeutenden Gemeinde in Adelsdorf - sie war zeitweilig der Sitz eines Rabbiners - und dem Schicksal ihrer letzten Mitglieder. Dabei lernte sie Baruch Ron kennen, der als Berthold Rindsberg in Adelsdorf geboren wurde. Er überlebte als Jugendlicher das Dritte Reich in Skandinavien und wanderte nach Israel aus. Er besuchte mehrfach seinen Geburtsort. Frau Kolbet, Wie kamen Sie in Kontakt mit Herrn Ron? Christiane Kolbet: Im Juni 1996 erreichte mich ein Brief aus Israel, in dem stand: "Auf langen Umwegen erreichten mich Zeitungsausschnitte über Ihre Tätigkeiten in Zusammenhang mit der ehemaligen jüdischen Gemeinde von Adelsdorf". Berthold Rindsberg/Baruch Ron, den ich gesuchte hatte, hatte mich gefunden. Welche Haltung hatte er zu seiner Herkunft, zu seinem Geburtsort, aber auch zu Deutschland insgesamt?

Baruch Rons Haltung zu Deutschland und besonders zu Adelsdorf war sehr ambivalent. Einerseits gab es glückliche Erinnungen an die frühe Kindheit im Dorf und die große Liebe zur deutschen Poesie, auf der anderen Seite war der Schmerz über das erlittene Unrecht und den Verlust seiner Familie, die von den Nazis ermordet wurde, unermesslich.

Hat er je mit dem Gedanken an eine Rückkehr geliebäugelt?

Baruch Ron hat nach dem Kriegsende 1945 in den Wochenschauen Berichte über die Konzentrationslager gesehen und beschlossen, dass eine Rückkehr nach Deutschland für ihn niemals in Frage kommt. Er hat allerdings Ende der neunziger Jahre Adelsdorf wiederholt besucht, dort neue Freunde gefunden und auch in Schulen als Zeitzeuge berichtet. Sie haben auch seine Nachkommen kennengelernt. Wie stehen die in Israel aufgewachsenen Familienmitglieder zu ihrer Geschichte und dem Herkunftsort ihres Vorfahren?

Baruch Rons vier Kinder waren alle sehr interessiert daran, die ehemalige Heimat ihres Vaters kennenzulernen. Er selber hat ihnen gegenüber wenig über die Vergangenheit gesprochen. Das änderte sich nach den Besuchen in Adelsdorf. 2015 war seine Enkelin Tom Lee Zigelmann zu Besuch. Auch sie wollte mehr über die Vergangenheit ihres Großvaters erfahren. Ich habe sie herumgeführt. Besonders groß war die Freude darüber, dass die Gemeinde Adelsdorf in Person der damaligen Zweiten Bürgermeisterin Jutta Köhler die junge Frau offiziell begrüßt hat. Was kann man tun, damit die jüdischen Landgemeinden, die zum Teil 500 Jahre bestanden, als Teil der fränkischen und der deutschen Geschichte weiterhin wahrgenommen werden?

Mein persönlicher Beitrag besteht darin, dass ich regelmäßig Führungen zur Geschichte der Juden und Rundgänge über die jüdischen Friedhöfe in der Umgebung anbiete. Dann leistet natürlich ein Verein wie das "Forum Alte Synagoge Mühlhausen", der von Christian Plätzer und Irina Gerschmann geleitet wird, wichtige Erinnerungsarbeit.