Im Kissinger Spätsommer sind neue Stile zu entdecken. Das Duo Aliada lässt mit Sopransaxophon und Akkordeon Bach, Grieg und Gershwin völlig neu klingen. Das Sopransaxophon verbindet man allgemein mit Jazz, Tanz- und Folkmusik. Beim "Schifferklavier" denkt der Musikfreund an gesellige Schunkelrunden und musikalische Seligkeit.

Wenn aber der polnische Saxophonist Michal Knot und der aus Serbien stammende Akkordeon-Virtuose Bogdan Laketic zusammen Musik machen, öffnen sich neue Welten. Mit herausragender Virtuosität, emotionalem Vortrag und Leidenschaft für ihre Instrumente schaffen sie neue Klangfarben. Gut, dass sie Gershwin draufhaben, war vielleicht zu erwarten, dass Aliada, (=spanisch: Verbindung, so nennen sich die in Wien ausgebildeten Künstler, die seit 13 Jahren zusammenspielen), aber Klassiker orchestraler Musik mit ihrem Instrumentarium zu einem außergewöhnlichen Spektrum neuer Klangteppiche ausbreiten, das nimmt sofort gefangen. Da hört man Stücke, die man gut zu kennen glaubt, völlig neu.

Tiefgründige Auseinandersetzung mit den Kompositionen und Kenntnis aller Möglichkeiten des Instruments sind Voraussetzung für so variantenreiche Arrangements. Strawinskys "Russischer Tanz" erklingt wie von kleinem Orchester gespielt, das Akkordeon ist die Orgel, die Register zieht das Sopransaxophon, mischt Flöte und Geige in den Klang, und schon tanzt die Puppe Petruschka auf dem Jahrmarkt von St. Petersburg.

Andere Stimmung bei Edvard Griegs Holberg Suite. Zunächst stimmt Aliada mit elegischen Solopassagen des Akkordeons auf ruhige nordische Klanglandschaften ein, zeigt aber im dritten Satz das andere Gesicht Norwegens, wo sich Stürme austoben. Virtuose Dialoge zwischen dem eisklirrenden Sopransaxophon und den rasenden Läufen auf der Tastatur des Akkordeons. Überragendes technisches Niveau lässt Naturgewalten vor Augen stehen. In einer nächsten Sequenz Grenzüberschreitung bei Bach. Überraschend klar hört man das für den Großmeister so typische eigenständige Leben von Melodie und Begleitung sich verirren und harmonisch wieder zusammenfinden.

Zuhause am Balkan

Ihre Balkan-Impressionen sind eine Hommage an die Lebensfreude, weitab von klischeehafter Polka-Seligkeit und dann - gewollter Kontrast - T. Skweres: Coffin Ship. Zeitgenössische Musik aus dem Jahr 2018 mit zeitkritischem Bezug, wie Bogdan Laketic in seiner Moderation ankündigt, denn die darin beschriebene Schiffskatastrophe irischer Hungersnotflüchtlinge im frühen 19. Jahrhundert ist heute wieder beklemmende Wirklichkeit. Wie Aliada es aber schafft, betuliches Ozeandampfertuten und grelle Schiffssirenen erklingen zu lassen, Möwengeschrei und aufkommenden Sturm zu vermitteln und selbst letzte Luftblasen des Untergangs hörbar zu machen, das war eine wuchtige Anklage.

Das fand auch Malte Meinck, Künstler, Geschäftsinhaber, Sponsor, und erinnerte, wie dieser Nachmittag eigentlich geplant war: Der Kissinger Sommer kommt in die Stadt, mitten in die Stadt, in die Fußgängerzone, zu den Leuten. Kein Eintritt. Aber die coronabedingten Anforderungen waren nicht zu erfüllen. kwv