Die meisten evangelischen Kirchenbauten entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit dieser Feststellung verblüffte der Kunsthistoriker Robert Schäfer bei seinem CHW-Vortrag "Ein Feste Burg" im evangelischen Gemeindezentrum in Redwitz. Schätzungen zufolge waren 45 Prozent aller Kirchen in Deutschland im Verlauf des Krieges beschädigt oder zerstört worden.

Der Bedarf an Neubauten war nach dem Krieg daher enorm, zumal der Zustrom von Vertriebenen aus den Ostgebieten mancherorts zu erheblichen konfessionellen Verschiebungen führte, was zusätzliche Neubauten erforderlich machte. Schäfer: "In Deutschland wurden zwischen 1945 und 1980 mehr Kirchen gebaut als in den 400 Jahren vorher".

Der Vortrag schlug einen Bogen von der Reformation bis heute. Auch kunsthistorisch blieb die Reformation nicht ohne Folgen. Noch zu Luthers Lebzeiten begann sich eine spezifisch evangelische Kirchenkunst und eine spezifische evangelische Kirchenarchitektur zu entwickeln. Bereits seit Mitte der 1520er kann man die Entwicklung einer spezifisch evangelischen Malerei und Grafik beobachten, die nicht zuletzt auch als Propagandamittel zur Verbreitung der Reformation diente.

Als erster evangelischer Kirchenneubau überhaupt gilt die 1537 erbaute Schlosskapelle in Neuburg an der Donau. Es folgte 1590 die Schlosskirche in Schmalkalden. Sie gehört zu den schönsten protestantischen Schlosskirchen der Renaissance in Deutschland. Erstmals wurde in Schmalkalden die Verbindung von Altar mit Taufbecken, Kanzel und Orgel in einer vertikalen Achse realisiert. Das war ein entscheidender Unterschied zu den katholischen Kirchen, in denen die Feier der Eucharistie im Mittelpunkt steht, im Gegensatz zu den evangelischen, in denen die Wortverkündigung oder die Predigt das Wichtigste ist.

Nach und nach entwickelte sich nun auch in den neu entstandenen evangelischen Gemeinden das Bedürfnis, eigene Kirchen zu bauen, die den Eigenheiten der evangelischen Liturgie Rechnung tragen und ebenso das lutherische Gottesdienstverständnis widerspiegeln sollten. Es entstand ein eigener Kirchentypus, der über die nächsten drei Jahrhunderte prägend sein sollte: die Predigtkirche. Dabei wird auf trennende und gliedernde Elemente verzichtet und die Blick- und Hörrichtung der Versammelten auf den Verkündigungsort, die Kanzel, konzentriert.

Um den evangelischen Kirchenbau im 21. Jahrhundert ist es schlecht bestellt. "Wir erleben einen Kulturabbruch, die großen Kirchen haben ihre Vorrangstellung als Kulturträger und somit auch als Bauherren verloren", schloss Schäfer seinen Vortrag. Es drohe tatsächlich die Gefahr, dass eine der wichtigsten Architekturgattungen in Mitteleuropa schlichtweg aussterbe - infolge der Säkularisierung.