Wagners gibt es im Telefonbuch des Landkreises im dreistelligen Bereich, den früheren Beruf des Wagners gab es nach Auskunft der Handwerkskammer für Oberfranken offiziell nur bis 1958, den wohl einzig noch tätigen Wagner - namens Konrad Kestler - findet man im Strullendorfer Ortsteil Zeegendorf in seiner Werkstatt, in der verschiedene Sägen, Drechselbank, zig Werkzeuge wie Zapfenschneider, fertige und halbfertige Räder, Hölzer in allen Varianten ein Bild aus dem letzten Jahrhundert des Handwerks vermitteln.

Dass Alter - der Jubilar wurde in den vergangenen Tagen 80 Jahre - nicht vor Handwerkskunst schützt, beweist der Zeegendorfer mit "Institutions"-Charakter eindrucksvoll. In der Öffentlichkeit ist er vor allem den Besuchern des jährlichen Kreiserntedankfestes und des Apfelmarktes bekannt, in seinem Heimatdorf prägen viele Räder private Gärten und die vier großen Wasserräder drehen sich seit der 900-Jahr-Feier vor gut einem Jahrzehnt im Zeegenbach. Der FT titelte damals: "Die Zeegendorfer legen sich ins Zeug - Konrad Kestler fertigt für die Tombola Schubkarren, Kinderwägen und Wasserräder".

"Im Winter Räderbauer in der eingeheizten Werkstatt, im Sommer früher Landwirtschaft, jetzt garteln", bringt Konrad Kestler seine zwei Jahreszeiten auf den Punkt. Nach seiner Wagner-Lehre (1955-58) kam schnell die Zeit der Mechanisierung und der Gummi-Reifen, Holzräder waren kaum mehr gefragt, so stellte er zunächst Holzleitern her, ehe auch da die Metall-Ausführungen den Markt beherrschten. So verbrachte der heute "Achtziger" den Großteil seines Beruflebens mit dem Einbau von Sportgeräten ("ich kenne alle Bamberger Turnhallen"). Doch die Leidenschaft für die Wagnerei blieb immer und blühte in den letzten 25 Jahren noch einmal so richtig auf. "Über 200 Räder, dazu Hunderte von Holzschubkarren habe ich gefertigt", blickt der "wohl letzte Wagner im Landkreis", wie er sich einschätzt, auf die jüngere Vergangenheit zurück.

Ihm ist die Freude sichtlich ins Gesicht geschrieben, wenn er an einem Rad in seinem "Wohnzimmer" (mit dem laminierten FT-Artikel an der Wand) die Zapfen für die Felgen herrichtet und von einem Schmuckstück, das bereits für Märkte im Herbst bestimmt ist, erzählt. "Über 50 Stunden Arbeit stecken da drin, sogar jeder einzelne Schöpfbecher ist handgefertigt." Ans Geld verdienen denkt er bei diesen langwierigen Arbeiten ("Arbeit ist mein Hobby") nicht, die Herstellung ist neben den Fest-Auftritten für Leute bestimmt, die diese Holzarbeiten für ihren Garten wünschen und dann Schubkarren und Räder mit Blumen und Trockengestecken schmücken. "Einen Stundenlohn möchte ich gar nicht ausrechnen, das ist auch egal."

Der selbstständige "Holzblockmacher" aus Zeegendorf, der auch schon außerhalb Oberfrankens viele Feste begleitete, genießt sein Handwerksleben tagtäglich in vollen Zügen ("wenn ich in einem Hochhaus, besonders in der jetzigen Zeit, leben müsste, wäre das mein Tod") und auch nach dem runden Geburtstag - situationsbedingt im kleinen Familienkreis gefeiert - wird Konrad Kestler weiter werkeln. "Ich kann einfach nicht Nein sagen! Natürlich finde ich es sehr schade, dass es keinen Nachfolger geben wird, weder im Familien- noch Freundeskreis."

Hilfe für die Basketballer

Hölzerne Produkte waren es nicht, die in seinem Berufsleben für Schweißausbrüche sorgten. Es waren die Bamberger Bundesliga-Basketballer: "In den 80er-Jahren ging vor einem Punktspiel das Brett beim Einwerfen kaputt. Alle Zuschauer starrten auf unsere Arbeit, als wir das Ersatzbrett montierten. Das werde ich nie vergessen, auch wenn wir es ganz gut hinbekommen haben", wird Kestler an seinem Jubiläumstag sicher auch das ein oder andere Mal erzählen. Ansonsten wird wohl der dörfliche Alltag mit einer breiten hölzernen Produktpalette lebendig.

Der Zeegendorfer lebt ein seltenes Nischendasein, umso außergewöhnlicher ist die Schaffenskraft des Wagners, dessen Berufsbezeichnung heute laut Handwerkskammer Karosserie- und Fahrzeugbauer lautet.