Marion Krüger-Hundrup "Auch in Bamberg beherrschten die Namen ‚Hitler‘ und ‚Hindenburg‘ die Straßen. Überall strömten die Menschen zusammen. Eine Begeisterung ohnegleichen erfüllte die Bevölkerung. Aus den sonst so ernsten Gesichtern leuchtete helles Glück. Sie alle dachten dasselbe: Deutschland ist gerettet, die Not ist vorbei, die Schande wird aufhören." So beschrieb die nationalsozialistische Bamberger Stadtverwaltung 1937 die euphorische Aufbruchstimmung des 30. Januar 1933 im Rückblick.

Aus heutiger Sicht ist natürlich klar, dass dies eine propagandistisch gefärbte Lagebeurteilung war mit ihrer deutlich bekundeten säkularen Heilserwartung. Doch ganz fern der Realität lag sie nicht. Denn auch in Bamberg mit seiner mehrheitlich katholischen Bevölkerung (1933: 85,2 Prozent) konnte die NSDAP mit großen Sympathien in der Bevölkerung rechnen. Bei den letzten halbwegs freien Reichstagswahlen am 5. März 1933 erhielt die NSDAP einen Anteil von 46,6 Prozent: Auch praktizierende Katholiken waren wohl nicht von vornherein immun gegen die Propaganda der neuen Bewegung.

An dieser Stelle kann nicht näher darauf eingegangen werden, woher sich mancher die Legitimation für seine Sympathien holte. Sicher haben viele Christen gleich welcher Konfession zunächst den totalen Anspruch der NSDAP nicht erkannt oder nicht wahrhaben wollen. Die Konkurrenz ihrer säkularen Heilslehre zu allen religiösen Glaubensüberzeugungen der großen Volkskirchen entschleierte sich erst schrittweise. Exemplarisch ist dies abzulesen am jeweiligen Verlauf der großen Muttergottes-Prozession der Oberen Pfarre (Unsere Liebe Frau) zum Patroziniumsfest am Sonntag nach Mariä Himmelfahrt. Auch ihr Werdegang wurde während des Dritten Reiches bestimmt von ständiger Behinderung und von konsequenter Bekämpfung durch die braunen Machthaber.

Unter Bewachung

Der Besuch der Prozession war für die Allgemeinheit offiziell zwar nicht verboten. Aber das Fotografieren oder namentliche Registrieren der Prozessionsteilnehmer durch Überwacher der NSDAP sagten genug. Etwa ab 1936 versuchte die Parteiführung nachdrücklich, die politischen Leiter, die Bürgermeister und Gemeinderäte von einer Beteiligung abzuhalten. Der oberfränkische Gaupropagandaleiter Kolbe erklärte im Mai 1939 offen, dass der "Prozessionsgang mit der nationalsozialistischen Weltanschauung nicht vereinbar" sei.

Eine auch äußerlich erkennbare Veränderung im Erscheinungsbild der großen Muttergottes-Prozession brachte das Jahr 1935: Erstmals entfiel die Ehrenwache für das Allerheiligste durch sechs Polizisten. Weitere Beschränkungen bedeuteten das Reichsflaggengesetz vom 15. September 1935 mit seinen Strafbestimmungen. Indirekt richtete es sich unter anderem gegen kirchliches Brauchtum, da es bei Prozessionen die herkömmlichen Kirchenfahnen als Straßenschmuck verdrängte.

Die neue Straßenverkehrsordnung von 1937 gab der nationalsozialistischen Stadtverwaltung ein weiteres Instrument gegen die Muttergottes-Prozession in die Hand: "Veranstaltungen, für die öffentliche Straßen mehr als verkehrsüblich in Anspruch genommen werden, bedürfen polizeilicher Erlaubnis..." hieß es im Reichsgesetz. Reichs- und Hauptverkehrsstraßen könnten nur dann gesperrt werden, wenn diese Veranstaltungen "von Partei und Staats wegen angeordnet sind und damit staatspolitische Notwendigkeit solche Ausnahmen gebieten".

1938 gab es für die Prozession verschärfte Auflagen wie beispielsweise die Verlegung des vierten Altares oder die strikte Benutzung der rechten Straßenseite. 1939 drohte sogar das Aus für die Prozession in der herkömmlichen Form: "Infolge des ständig zunehmenden Fahrverkehrs wird ersucht, schon jetzt alle folgenden Prozessionen so zu verlegen, dass Reichsstrassen nicht mehr berührt werden", schrieb das Stadtpolizeiamt am 20. Juli 1939 an das Pfarramt der Oberen Pfarre.

Wie um die verkehrspolizeiliche Notwendigkeit der Maßnahme unter Beweis zu stellen, geriet das ausmarschierende Bamberger Panzerregiment 1939 zwischen die Prozession und sorgte für erhebliche Unruhe. Das bedeutete in Bamberg ein böses Omen, denn der Volksglaube wusste: "Wenn die Muttergottes der Oberen Pfarre die schmerzhafte Muttergottes in St. Martin nicht besuchen kann, dann passiert etwas." Wie dem auch sei, wenige Tage später begann mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg.

Renaissance erst nach 1945

Während des Krieges fand keine Muttergottes-Prozession nach St. Martin mehr statt. Die Reichsstraßen durften nicht benutzt werden. Stadtpfarrer Lunz erhielt lediglich die Erlaubnis für einen Umgang um Kirche, Pfarrgarten und Pfarrhof. Teilnehmerzahlen liegen für diese Jahre nicht vor. Dennoch darf nach den gewiss unverdächtigen Regierungspräsidenten-Berichten unterstellt werden, dass der Besuch aller Gegenpropaganda zum Trotz rege gewesen sei. Volksfrömmigkeit und Protestverhalten gegen Entwicklungen im Dritten Reich mischten sich.

Erst nach Kriegsende 1945 lebte die Prozession im herkömmlichen Umfang wieder auf und knüpfte an die seit dem Jahr 1702 belegte Tradition an, die vermutlich durch eine Epidemie veranlasst worden war. Auch 2020 ist Jahr einer Epidemie, einer Pandemie sogar. Und die große Muttergottes-Prozession zieht nicht aus.

Aber die beiden Gnadenbilder aus der Oberen Pfarre und aus St. Martin begegnen sich auf dem Maxplatz, wo am Sonntag um 10 Uhr Gottesdienst gefeiert wird.