Im Klappentext zumal amerikanischer Romane brüsten sich Autoren gerne mit einer Palette an Jobs, in denen sie sich schon geplagt und street credibility geschlürft haben: Kellner, Taxifahrer, Handlanger, Botenjunge ... Seltener die Fälle, in denen einer komplett das Metier wechselt und etwa vom Wirtschaftskapitän zum Schriftsteller mutiert. In der bildenden Kunst sind derlei Seitenwechsel womöglich noch rarer. Deshalb erscheint der Schritt Angela Kohlruschs auf den ersten Blick überraschend.

Folgereichtig

Doch nur auf den ersten. Anfang November eröffnete die 32-jährige Kulmbacherin in der Austraße 14 - just in den Räumen, wo bis Mitte des Jahres eine FT-Geschäftsstelle residierte - ihre Galerie AOA;87, für sie ganz neue berufliche Wege. Eine gelernte Wirtschaftsingenieurin in der Kunstszene? Nun, immerhin geht es um die Vermarktung, nicht das Erschaffen von Kunst. Wenn man dann noch erfährt, dass sie in einer Unternehmensberatung arbeitete und familiär der Kulmbacher Wiegel Gebäudetechnik GmbH verbunden ist, wenn sie zusätzlich erzählt, dass das (Kunst-)Sammeln ihr als Spross einer Sammlerfamilie von klein auf vertraut ist - dann scheint der Weg, den die zierliche blonde Frau ("Ich hatte schon immer eine Passion für Kunst") eingeschlagen hat, alles andere als befremdlich.

Zumal sich das Portfolio von "AOA;87" - der Name setzt sich zusammen aus "Alpha, Omega, Alpha", also eine Transformation oder Metamorphose, und dem Geburtsjahr der Galeristin - an den Schwerpunkten der vertrauten Sammlungen orientiert: Pop-Art, Salvador Dalí und die erste deutsche Avantgarde-Bewegung nach dem Krieg, die ursprünglich Düsseldorfer ZERO-Kunst. Ergo ist alles schön bunt in der neuen Galerie mitten in der Stadt. Die laut Kohlrusch ins barocke Ambiente einige Schritte weiter passt und dieses ergänzt: "Das Zeitgenössische fehlte." Nicht unbedingt in den von BBK, Kunstverein und Villa Concordia organisierten Ausstellungen, eher in den Galerien. Zumal das Farbenfrohe, Grelle, Plakative, Poppige, auf den ersten oder auch zweiten Blick Verständliche kommerzielles Potenzial bergen dürfte.

Pop-Art im weitesten Sinne

Im weiteren Sinne Pop-Art also ist zu sehen in der Eröffnungsausstellung "Status & Promises". Gemeint sind renommierte, jedem bekannte Namen wie Andy Warhol oder Tom Kesselmann, vereint mit den Arbeiten junger, vielversprechender Künstler. Von denen einer, der Portugiese Alexandre Madureira, alternierend in Barcelona und Bamberg lebt. Seine Dürer-Paraphrase, Vision des Johannes mit bunter Spirale und Plastikmüllbeutel, kontrastiert die Nackte auf dem ikonisch gewordenen Rhinozeros, die Mel Ramos dort platziert hat, er allerdings einer der Etablierten. Wie könnte es anders sein?

Andy Warhol darf nicht fehlen. Zu sehen sind ein Siebdruck, ein "Douc Langur" aus den "Vanishing Animals Series" und eine eher untypische Tintenzeichnung "Girl Playing Golf". Tom Wesselmann ist mit stilisiert-grellen Akten vertreten; man fragt sich, ob manche der Exponate in der heutigen Beleidigungskultur z. B. feministischen Empfindlichkeiten standhielten.

Bilder vom Lockdown

Alex Katz' "Red Hat Ada" als großformatiger Holzschnitt in elf Farben repräsentiert ebenfalls einen Klassiker. Ein Schwerpunkt liegt auf Werken des Mailänders Giuseppe Veneziano, den man unter "neue Pop-Art" rubrizieren darf. Sein großformatiges "Die Erschaffung der Maske" reagiert unter Verwendung des Michelangelo-Gemäldes auf aktuelle Pressionen ebenso wie einige Lockdown-Bilder mit verfremdeten biblischen Motiven: auf- und eindringlich, vulgär vielleicht, die Werbeästhetik nicht nur zitierend, sondern verherrlichend. Hieß es nicht einmal Subversion durch Affirmation?

Mehr als einen Hauch Dreidimensionalität verschafft Alexandre Madureiras Skulptur "You Talkin' To Me", eine Assemblage aus Grammophon und Herz, der Galerie. Seine Wurzeln in der Comic-Kultur zeigt derselbe Künstler mit "I Just Found A Million Dollars That Someone Forgot" von 2016. Apropos: Wer zufällig einen Sack mit Dollars gefunden hat, kann den öffnen: Die Preisspanne in "AOA;87" reicht von 750 bis zu einigen 10 000 Euro. Das Weltkulturerbe sei urbaner geworden, meint Angela Kohlrusch, viele Touristen, ihre Galerie sei eine "wunderbare Ergänzung".