Vielerorts haben Parteien und Wählergruppen Probleme, für Listen genügend Kandidaten zu finden. Einige Kommunen suchen mit Stellenanzeigen nach Bewerbern für das Bürgermeisteramt, weil sich vor Ort kein Kandidat findet. Und etliche Bürgermeister wollen nicht mehr, weil sie Anfeindungen, Hass und Drohungen ausgesetzt sind. Das ist der Tenor vieler Berichte in bayerischen Medien im Vorfeld der Kommunalwahlen. Parteien- und Politikverdrossenheit? Wahlverdrossenheit? Offenbar nicht in Bamberg und im Landkreis. Bewerber und neue Listen schießen fast wie Pilze aus dem Boden. 14 Listen streben in den Bamberger Stadtrat, zwölf Bewerber wollen Oberbürgermeister werden.

Skepsis bei erfahrenen Räten

Auch wenn sich erst am 3. Februar um 12 Uhr entscheidet, wie viele es tatsächlich sein werden - vier Listen und vier Kandidaten müssen bis dahin noch je 340 Unterstützerunterschriften zusammenbekommen - ist klar: Es werden so viele wie nie zuvor. 2014 standen neun Listen auf dem Stimmzettel. 2012 hatte OB Andreas Starke bei der Bürgermeisterwahl gerade mal zwei Konkurrenten, gegen die er sich bereits im ersten Wahlgang durchsetzte.

Und nun also bis zu zwölf Bürgermeister- und mehr als 500 Stadtratskandidaten. Fragt man die Neueinsteiger in die Kommunalpolitik, so haben diese gute Argumente: Engagement, lebendige Demokratie, Stimme der Bürger, etc... Doch viele andere sind davon nicht gerade begeistert. Bei erfahrenen Kommunalpolitikern überwiegt die Skepsis. Und es ist nicht in erster Linie das Bangen um eigene Pfründe, wie es die, die in den Stadtrat wollen, gerne denen unterstellen, die schon drin sind.

Norbert Tscherner, mit seinem Bamberger Bürgerblock (BBB) ein Urgestein der parteiunabhängigen Wählergruppen in Bamberg und 2006 einer von vier Bürgermeisterkandidaten hat dazu eine klare Meinung. "Das ist eine Verhöhnung gegen das höchste Amt in der Stadt. Wenn man schaut, wer da alles antritt ..." Dabei hat er schon ein gewisses Verständnis, für die Mühen, die die neuen Kandidaten und Gruppen auf sich nehmen. 1990 und 1996 habe er selbst gemerkt, wie schwer es sei, die Leute zu einer Unterschrift zu bewegen, mit Pass ins Rathaus zu gehen und eine Unterschrift zu leisten. "Das ist eine Knochenarbeit."

"Große Bedenken", hat Tscherner auch in Anbetracht von möglicherweise 14 Listen im Stadtrat mit seinen 44 Sitzen. Eine "Katastrophe" wäre das. "Da läuft dann gar nichts mehr." Jeder verspreche irgendwas. Das müsse aber auch finanziert werden, gibt er zu bedenken.

Eine Frage der Qualität

"Große Bauchschmerzen, wenn es im Stadtrat zu weiterer Zersplitterung kommt", verspürt auch Peter Gack. Mit den Grünen war er in den 1980er Jahren selbst angetreten, um eine Alternative zu den klassischen Parteien zu bieten - und wurde auf Anhieb 1984 einer der ersten drei GAL-Stadträte.

Dass so viele neue Gruppen und Personen in die Politik streben, könne man zum einen als Zeichen werten, dass die Gesellschaft insgesamt bunter werde. Es könne aber auch ein Zeichen dafür sein, dass "viele Menschen nicht mehr kompromissbereit sind und nur noch ihre eigenen Interessen verfolgen". Politik erfordere jedoch Kompromisse.

"Wünschenswert wäre, wenn durch die Neuen die Diskussionen im Stadtrat lebhafter und qualifizierter würden", sagt Gack, der 2017 aus dem Gremium ausschied. Er zweifelt jedoch an der Qualität und fürchtet, dass die Diskussionen nur länger und anstrengender würden. "Mir macht das Sorgen", lautet also das Fazit von einem, der einst selbst, als von manchen unerwünschter, Außenseiter in den Stadtrat einzog - und sich dann in insgesamt 27 Jahren viel Respekt erarbeitete.

Die Skepsis von Tscherner und von Gack wird von vielen geteilt. Nicht nur von denen, die schon drin sind im Stadtrat. "Lächerlich", findet beispielsweise ein bekannter parteiunabhängiger Politiker aus dem Landkreis die Kandidatenflut in Bamberg, die er auch schon mal "die zwölf Apostel" nennt. Auch für den Landkreis fürchtet er eine Zersplitterung in Partikularinteressen und zunehmende Kompromissunfähigkeit.

Ganz so drastisch ist die Situation jenseits der Stadtgrenzen zwar nicht. Aber die Zahlen von 174 Listen für die 36 Gemeinde- und Stadträte im Landkreis und 76 Kandidaten für die 34 zu vergebenden Bürgermeisterposten vor sechs Jahren werden 2020 ziemlich sicher getoppt.

Wahlkabinen wachsen

Die neue Dimension der Bewerber hat auch Auswirkungen auf diejenige, die mit der Organisation und Betreuung der Wahl zu tun haben. Mehrarbeit gibt es nicht nur für die Wahlleiter, die alles genau prüfen müssen, sondern auch für die Wahlhelfer, die die Stimmzettel auszählen werden.

Der Stimmzettel für die Stadtratswahl wird jedenfalls so groß werden, dass er nicht mehr auf einen Schultisch passt (viele Wahllokale befinden sich in Schulen). Ende vergangenen Jahres war in der Verwaltung schon die Rede, dass die Wahlkabinen möglicherweise vergrößert werden müssen. Und dass dann es dann wieder Warteschlangen gibt, wie zuletzt bei der Landtagswahl.

Zumindest hier kann Stadtsprecherin Ulrike Siebenhaar Entwarnung geben. "Wir müssen die Dreiecksständer mit den Sichtschutzwänden nur anders aufstellen", gibt sie auf Anfrage Auskunft. Auch müsse die Zahl der Wahlkabinen nicht reduziert werde, trotz größerer benötigter Tischflächen. "In den Wahllokalen ist in der Regel genügend Platz", sagt Siebenhaar.