Männer stehen in einer langen Schlange am Seiteneingang eines Gebäudes. Sie haben Töpfe dabei und sehen irgendwie hungrig aus. Eine Tafel auf dem Land? So etwas kann schon merkwürdig wirken, auf einen, der von weit her kommt. Heinrich Pingel kommt von weit her. Doch er hat schon von dieser Warteschlange gehört, deswegen ist er ja hier - am Lindenhof in Ketschenbach. Der kommt in Büchern über das Grüne Band vor, das einmal eine Grenze war - und zwar als Tipp für Hungrige. Pingel will sich hier stärken, denn er hat noch einen weiten Weg vor sich.

Schlange für Klöße

"Die Männer stehen in Schlangen vor dem Ausgabefenster und holen in ihren Kochtöpfen den sonntäglichen Braten und die Klöße", schreibt Heinrich Pingel in sein Reisetagebuch. Es ist Tag fünf seiner Tour, der ihn nach Ketschenbach führt. Die Tagesetappe geht von Sonneberg nach Eisfeld. In Ketschenbach macht er schon Pause - der Klöße wegen, die es im Lindenhof gibt. Denn von denen hat er schon viel Gutes gehört. "Ich bestelle mir eine Riesenportion Sauerbraten. Natürlich mit Klößen", notiert er.

Dann geht es über den Berg Richtung Froschgrundsee. Mit vollem Bauch ist Heinrich Pingel wohl froh, dass er mit dem E-Bike unterwegs ist. Er will das Grüne Band in seiner ganzen Länge befahren. Mal ist er im alten Osten Deutschlands unterwegs, mal im alten Westen. 1500 Kilometer werden es am Ende sein, die er abgestrampelt hat. Nach den Klößen vom Lindenhof liegen die meisten davon noch vor ihm.

In Raitschin in der Nähe von Hof ging es los. Vier Tage später startet er in Sonneberg zur fünften Etappe. Sein erster Eindruck nach dem Überqueren der Gebrannten Brücke ist wenig schmeichelhaft für Neustadt: "Die Häuser machen einen nicht so gepflegten Eindruck wie im thüringischen Sonneberg. Einbildung, Vorurteil?", schreibt er.

Weiter geht seine Tour, die er selbst als "eine lebensgeschichtliche Reise von Ost nach West und zurück" beschreibt. Heinrich Pingel radelt an diesem fünften Tag noch weiter über den Froschgrundsee nach Schalkau und Görsdorf, wo er vom Rest Mauer gehört hat, der dort noch steht. Foto fürs Buch wie auch schon am Froschgrundsee und später vom Grenzturm an der ehemaligen Grenzübergangsstelle Rottenbach, der heute ein Museum ist.

Altersgerechte Etappen

Am sechsten Tag geht es bis Einöd. Die kurzen Etappen sind Heinrich Pingels Alter geschuldet. Er geht auf die 70 zu, als er die Tour fährt, die jetzt im Buch beschrieben wird. Aber diese Reise wollte er unbedingt noch machen.

Das hat auch mit seinem eigenen Leben zu tun, das im Osten begann. 1948 im Eichsfeld geboren und 1955 in der DDR eingeschult, kam er 1956 mit seinem Vater in die Bundesrepublik. Drei Jahre Bundeswehr, Studium der Geschichte und Politik in Darmstadt, später Germanistik und Anglistik in Buffalo und Frankfurt am Main fürs Lehramt.

Heinrich Pingel hat in Zeitgeschichte promoviert und war Jahrzehnte als Pädagoge in der schulischen und beruflichen Bildung tätig.

Jetzt, da sein Berufsleben hinter ihm liegt, fand er die Zeit, entlang dieser Grenze auf Spurensuche zu gehen, die auch für sein Leben eine wichtige Rolle gespielt hat. Eine Reise, die so manches aktuelles Erlebnis seinen Erinnerungen an die Grenze hinzufügt.

Ihn als Leser dabei zu begleiten lohnt sich - nicht nur für den Abschnitt, der uns selbst vertraut ist. Das Lesen lohnt sich, weil Pingel auch die Gedanken aufgeschrieben hat, die ihn auf seiner Reise entlang eines Mahnmals deutscher Geschichte gekommen sind.

246 Seiten füllen seine Gedanken nach dieser Tour. "Grenzgänger" lautet der Titel. Das Buch erscheint im Hober Verlag mit der ISBN 978-3-947958-27-6 und kostet 14,99 Euro.