Vor gut 90 Jahren erblickte Natalie (Natalia) Derr (geb. Ross) im deutsch besiedelten Dorf Balzer in Russland das Licht der Welt. Am 15. Januar feierte sie ihren 90. Geburtstag.

Sie wuchs mit ihren drei Geschwistern in Balzer auf. Bis in das Jahr 1941 konnte sie die deutschsprachige Schule im Gebiet der Wolgadeutschen besuchen. Nachdem Adolf Hitlers Truppen im Juni 1941 die Sowjetunion überfallen hatten, wurde vom Obersten Sowjet der Kriegszustand verhängt. Das bedeutete, dass Hunderttausende Männer und Frauen aus ihren Gebieten zwangsumgesiedelt wurden. Dazu zählte auch die damals elfjährige Natalia. Innerhalb von zwei Wochen wurden sie und ihre Familie in das kasachische Gebiet Akmola gebracht. Dort musste das Mädchen die russischsprachige Schule besuchen, ohne jedoch Russisch erlernt zu haben.

Damit begann für Natalia Ross ein schulischer Leidensweg. Nicht nur ihre Schulkameraden verspotteten sie wegen ihrer fehlenden Sprachkenntnisse, auch die Lehrkräfte machten sich über sie lustig und verachteten die deutsche Schülerin. Nach einiger Zeit beschloss das junge Mädchen deshalb, die Schule nicht mehr zu besuchen. Als Konsequenz daraus musste sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und kam als Zwangsarbeiterin zum Schuften auf die Felder. Bis zum 6. Januar 1961 dauerte diese Zwangsarbeit an, dann erst wurde diese von der sowjetischen Regierung abgeschafft.

Inzwischen war Natalia Ross zu einer jungen Frau herangereift. Sie hatte etliche Jahre vor Ende der Zwangsarbeit Andrej Derr kennengelernt und die beiden heirateten bereits im Jahr 1954. In dieser Ehe wurden Natalie Derr und ihrem Mann Andrej fünf Kinder geboren. Zusätzlich zur Erziehung der Kinder Neben ging Natalie Derr arbeiten, sie war Melkerin im Ort Kalchoz in Kasachstan.

1996 nutzte die Familie Derr die Möglichkeit, als Spätaussiedler nach Deutschland zu kommen. Mutter Natalie fand zusammen mit einigen ihrer Kinder in Lützelbuch eine neue Heimat. Über ihr Leben erzählt sie: "Es war ein ganz normales Leben. Die Arbeit war schwierig." Umso mehr genieße sie jetzt den Frieden und ihren Ruhestand.

Ihre Enkelin Emma Obenloch teilte mit: "Meine Oma ist 90 Jahre und hat immer noch ihre eigene Meinung." Als Tipp für ein hohes und gelingendes Alter gibt die Jubilarin weiter: "Friedlich leben, mit der Familie zusammenhalten und arbeiten."

Natalie Derr hat zwölf Enkelkinder und 23 Urenkelkinder. em