brigitte krause

Sich, Entschuldigung, auszukotzen, das scheint heute in den sozialen Medien normal zu sein. Die Hemmschwellen sinken, auch im wirklichen Leben scheinen gute Manieren abhanden zu kommen. Unschönes spielt sich direkt neben der Haustüre ab. Zum Beispiel in den Pfarrhäusern in Haßfurt und Zeil. Auch Ehrenamtliche werden angegiftet. Die Schreihälse am Telefon und die Schreiber von ekelhaften Mails und Briefen ereifern sich gegen die Flüchtlingshilfe.
Ganz massiv erlebte Pfarrerin Doris Otminghaus in Haßfurt solche Zeitgenossen. Auslöser waren vor allem bundesweite Berichte über das Kirchenasyl, das die evangelische Kirche in Haßfurt seit knapp einem Jahr einigen von Abschiebung bedrohten Flüchtlingen gewährte. Vor Kurzem klingelte an einem Tag im evangelischen Pfarrbüro das Telefon derart häufig, dass die Sekretärin das Gerät nach einer Stunde mit dem Stoßseufzer "jetzt reicht's" einfach ausstöpselte. "Es waren Reaktionen, die nicht angenehm waren", schildert die Pfarrerin, die mit ihrem Mann Gerhard Barfuß und dem Kirchenvorstand entschieden hatte, Kirchenasyl zu gewähren. Es ist ein geduldetes Recht zwischen Staat und Kirche, die Gemeinde vor Ort wird dabei offiziell durch die Landeskirche betreut, stellt sie klar.
Die Schreiber und Anrufer aus ganz Deutschland wurden vielfach persönlich und sprachen Beleidigungen aus. Es kamen, berichtet Doris Otminghaus, Mailings und Briefe, Anrufer brüllten durch das Telefon, die sich alle sehr kritisch zum Kirchenasyl äußerten. Bestimmt 30 Mailings seien direkt zu ihr durchgedrungen, berichtet Otminghaus, etliche hatte das Sekretariat auch herausgefiltert.


Landesbischof ist ihr Vorbild

Sie hätte bei schlimmeren Bedrohungen keine Sekunde gezögert, zur Polizei zu gehen, macht die Seelsorgerin deutlich. Alles, was anonym oder unter der Gürtellinie war, "hab' ich mir gar nicht angesehen", schildert Otminghaus ihre Haltung zu solchen Hetzern, bei der sie sich den jetzigen Landesbischof zum Vorbild nimmt. Geöffnet, kurz sondiert, weg damit.
Dabei ist ihr eines sehr wichtig: "Wenn es sich um ernsthafte Meinungen ohne Beleidigungen gehandelt hat, habe ich sogar Mailings beantwortet oder auch Falsches korrigiert; dass zum Beispiel Kirchensteuer für das Kirchenasyl verwendet wird, stimmt nicht." Pfarrerin Otminghaus schätzt die kritische, öffentliche Diskussion.
Aber sie macht auch klar, dass sie unmissverständlich die Solidarität mit Flüchtenden mitträgt. Die Landeskirche hat das Kirchenasyl auf eine tragfähige Basis gestellt, nachdem es vor Jahren zu einer Räumung gekommen war. Seither gibt es die fachliche Begleitung durch Asylbeauftragte.
Und auch wenn längst nicht alle in der örtlichen Gemeinde hinter der Sache stehen und sich manche da vielleicht sogar lieber einen Bischof wie in Würzburg den katholischen Friedhelm Hofmann wünschen, der Kirchenasyl eher ablehnt, so ist sich das Pfarrerehepaar in Haßfurt doch des Rückhalts im Kirchenvorstand und im Freundeskreis Kirchenasyl gewiss. Viele Ehrenamtliche helfen mit, dass sich die Schutzsuchenden, die die Räume der Kirche nicht verlassen dürfen, nicht wie im Gefängnis fühlen müssen.
In der katholischen Nachbarschaft ist man froh, dass Ruhe eingekehrt ist. Offenbar gewöhnt man sich langsam daran, dass Muslime den Pfarrsaal für ihr Freitagsgebet nutzen dürfen. Wenn dabei das Kreuz nicht abgehängt wird. Pfarrer Stephan Eschenbacher ist froh darum.
Sein Amtsbruder in Zeil, Michael Erhart, war vor Weihnachten gefragt, als der Frauenbund eine unangenehme Reaktion verdauen musste. Erhart tröstete seine Ehrenamtlichen: "Wir haben darüber geredet", erzählt er zu dem anonymen Brief wegen eines Frauenfrühstücks, zu dem zum Kennenlernen syrische Frauen eingeladen waren. Als Hauptamtlicher, macht Erhart klar, muss man mit harscher Kritik zurechtkommen, für Ehrenamtliche können Attacken belastend sein. Er selbst hatte erst im Oktober böse Mails und Anrufe bekommen, nachdem er einen Gefängnisseelsorger zu einer Veranstaltung eingeladen hatte. Wenn man etwas Besonderes anbietet, kommt eben Gegenwind, meint der Pfarrer, der bei anonymen Beiträgen eine klare Linie fährt: ab damit in den Abfalleimer oder auflegen. "Man muss eine gewisse Gelassenheit entwickeln, sonst reißt einen das runter."


Kein Interesse an Entwicklung

Solche Menschen lehnen direkte Kommunikation ab. "Ich denke: Du willst ja gar nicht, dass sich etwas ändert", meint Erhart. Freiheit brauche Auseinandersetzung und Gespräch.
Die Vorsitzende des Zeiler Frauenbunds und Pfarrsekretärin, Ulrike Steigner, war geschockt, als sie den anonymen Brief bekam, der auch an ihre Schwester Christa Schlegelmilch und an Brigitte Hamm als Verfasserin des Presseartikels ging. Steigner findet es schlimm, wie "massiv Menschen gegeneinander gehen können". In den syrischen Frauen sieht sie bei allen kulturellen Schranken vor allem die Gemeinsamkeit, und das habe sich bei der Veranstaltung vermittelt: "Es ist grundsätzlich eine Frau wie du und ich!" Obwohl sie wie Brigitte Hamm an dem Geschreibsel zu knabbern hatte, lässt sie sich nicht beirren. Zum nächsten Frauenfrühstück kommt eine Referentin, die als Deutsche in Äthiopien gelebt hat und von ihren Erfahrungen als Fremde berichtet.
Christa Schlegelmilch ging in die Offensive, zeigte den Brief herum, holte Meinungen ein. "Es bleibt eben kein Spielraum für die wirkliche Auseinandersetzung", meint die Gymnasiallehrerin zu dem Schreiben. Im Ruhestand widmet sie sich dem Deutschunterricht für die in Zeil untergekommenen Syrer, kümmert sich um Paten, die die Familien im Alltag begleiten.


Ablehnung ist weit verbreitet

Schlegelmilch urteilt realistisch: Die Denkweise in dem anonymen Brief habe sie verblüfft, die ablehnende Haltung gegenüber der muslimischen Welt sei aber "sehr weit verbreitet in unserer Gesellschaft". Sie findet auch nicht jeden Flüchtling gut, machte aber keine negativen Erfahrungen: "Ich stehe dem Islam nicht kritiklos gegenüber, aber ich kann Probleme nicht lösen, indem ich alles ablehne", sagt sie: "Integration geschieht nur, indem man sich öffnet".