Wenn 30 Frauen und Männer im Stuhlkreis sitzen, die Trommel schlagen oder auf das Xylophon, die Holzrassel schwingen und dabei "We Shall Overcome" singen, sieht das alles andere als nach einer Therapiestunde aus. Und doch ist es in gewisser Weise das, denn Musiktherapie in der Gruppe steht auf dem Stundenplan der Bewohner des Caritas Alten- und Pflegeheims St. Elisabeth in Neunkirchen am Brand. Sie ist in den wenigen Wochen schon zum liebgewonnenen Ritual geworden.


Auf Bewohner zugeschnitten

Wie jede dieser Stunden beginnt Kerstin Jaunich, Musikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Gerontologie, mit dem Begrüßungslied "Guten Morgen zur Musik. Diese Stunde ist für uns". Ein Text auf die Bewohner zugeschnitten, zur Melodie des Lieds "Guten Morgen Sonnenschein". Denn genau das ist die Stunde für die Bewohner.
"Die Musik ist immer ein Thema im Heim", sagt Gabriele Enning, die Einrichtungsleiterin. Sie war die Initiatorin dieser Musikstunden im Heim, weil sich die Bewohner-Klientel ändert. Zwar hatten schon die vielen Ehrenamtlichen mit den Bewohnern viele alte Volkslieder gesungen. Lieder, die etliche neue Mitarbeiter nicht kennen, da sie ausländischer Herkunft sind.


Wandel im Liedgut

Doch einerseits sind diese Ehrenamtlichen inzwischen selbst schon älter. Andrerseits braucht es Fachkenntnisse. "Man braucht einen professionellen Zugang zu den Bewohnern, braucht Fachkenntnisse, um mit ihnen in Kontakt zu treten", erklärt Enning die Gründe für das professionelle Angebot.
Einige Bewohner sind an Demenz erkrankt. Eine normale zwischenmenschliche Beziehung können sie nicht eingehen. Aber sie reagieren auf Mimik und Gestik. Sie reagieren auf Musik, und so gelingt es Kerstin Jaunich, auch die demenzkranken Bewohner zu erreichen.
"Sie bringt sie zum Musizieren, schafft es, sie zu motivieren", sagt Enning, die sich freut, ein kleinen Orchester im Haus zu haben. Die Frau eines im Haus lebenden Ehepaars ist an Demenz erkrankt. Der Mann ist geistig fit. "Sie musizieren miteinander und sie reagieren rhythmisch aufeinander", erklärt Enning. Das haben die beiden schon lange nicht mehr erlebt, fügt die Heimleiterin an, wie sich die Musik auch positiv auf die Bewohner untereinander auswirkt.
Kerstin Jaunich hat mit ihrer Gitarre inzwischen ein anderes Lied angespielt. "Grün, grün sind alle meine Kleider, weil mein Schatz ein Jäger, Jäger ist", stimmt ein älterer Herr sofort den Text ein. "Olé" ruft eine Frau dazwischen, bringt damit ihre Freude über die Musik zum Ausdruck. Die Frau ist in der Musikstunde einfach gut drauf.
Welche Farben die Bewohner noch kennen, will Jaunich wissen. Und welcher Beruf zu der Farbe passe. Der Schornsteinfeger passt zu Schwarz. "Er bringt Glück, aber man muss ihn anfassen", fällt einer anderen Teilnehmerin ein. Ihre Nachbarin hat einen Bäcker in der Familie gehabt und so entstehen zwischen den Liedern kleine Gespräche, weil die Bewohner über sich erzählen und jedem aus der eigenen Erinnerung etwas dazu einfällt.
"Die Erinnerungen gehen nicht über die Kognition. Die Erinnerungen müssen über Impulse hervorgelockt werden", sagt Gabriele Enning dazu. Auf der musikalischen Reise mit den Bewohnern werden viele Erinnerungen geweckt.
Auch die Bewohner erzählen zwischen den Liedpausen von ihren Berufen. Die Lehrerin, die Ärztin, die Modistin, der Ingenieur und die Frauen, die als Hauswirtschafterin arbeiteten oder zu Hause nähen mussten. Es ist Bewegung in der Runde. Es wird geklatscht, mit dem Fuß gestampft, sich gedehnt und auch geseufzt.


Musik für alle

Vier Stunden ist Kerstin Jaunich im Haus. Denn auch Bewohner, die nicht mehr aufstehen können, besucht sie im Zimmer und stellt über die Musik Kontakt her. Menschen, die teils den ganzen Tag nur noch betend im Bett liegen können, bewegen ihre Hand dann zum Takt der Musik auf dem Bettrand. Auch ans Sterbebett geht die Musikwissenschaftlerin, damit Bewohner, die im Leben gern musiziert haben, sich auch von ihrem Instrument verabschieden können.
Vor allem aber macht Jaunich Songlisten und gibt den Betreuern Instrumente an die Hand. "Damit wir das weiterführen können", sagt Heimleiterin Gabriele Enning.