Eckehard Kiesewetter

Obermerzbach — Der Hauptraum misst gerade mal 60 Quadratmeter, der Chorraum etwa zehn. Damit ist der älteste Sakralbau im gesamten Landkreis Haßberge zugleich einer der kleinsten. Die romanische Grundausstattung macht ihn zu einem besonders bemerkenswerten Ort. Viele Kirchen glänzen mit barocker Pracht und opulenter Fülle. St. Michael im Untermerzbacher Gemeindeteil Obermerzbach dagegen beeindruckt durch karge Schlichtheit und archaische Stilelemente, die rund 800 Jahre überdauert haben. Teilweise geben sie bis heute Rätsel auf.

Eines dieser Mysterien ist die Bedeutung einer nur noch schemenhaft zu erkennenden Figur an einem Pfeiler am Übergang zum Chorraum. Wissenschaftler sind sich uneins. Manche glauben in der weitgehend abgeschlagenen, gut einen Meter hohen Skulptur "einen hockenden Mann auf den Schultern einer zweiten Figur" zu erkennen. So hat es Hans Karlinger in seiner Darstellung der "Kunstdenkmäler im Königreich Bayern" beschrieben. Der Kunsthistoriker Georg Habermehl dagegen vermutet in der wandgebundenen Skulptur eine "jetzt fast abstrakt anmutende Muttergottes mit dem Kind auf dem Schoß". Der von Edgar Maier verfasste Kirchenführer lässt beide Interpretationen stehen.

Den mutmaßlichen Beweis hat jetzt Karin Meyer-Jungclaussen geliefert, Musikwissenschaftlerin aus Rentweinsdorf, die zu dem kleinen evangelischen Gotteshaus eine tiefe Verbindung hat. Hier wurden sie und ihr Mann Hinrich im Jahr 1986 getraut und hier wurden ihre Söhne Matthias und Raphael getauft.

Entdeckung in new York

Um der Darstellung, die sie nach eigenem Bekunden über all die Jahre hinweg beschäftigte, auf de Spur zu kommen, bedurfte es eines Zufalls. Und einer Reise zu einer alten Freundin aus Studienzeiten in die USA. Dort zog es die kunsthistorisch interessierte Musikerin aus den Haßbergen zu einer Figur der Hl. Anna im Wochenbett, die einst zu den Schätzen der Pfarrkirche St. Laurentius in Ebern zählte. Heute ist sie in der Sammlung "The Cloisters" zu sehen, einer Zweigstelle des Metropolitan Museums of Art in New York. "The Cloisters" (deutsch: die Kreuzgänge) zeigt Architekturfragmente und mittelalterliche Kunstwerke vorwiegend aus französischen Klöstern.

Beim Flanieren durch die historischen Kapellen blieb Karin Meyer-Jungclaussen plötzlich wie erstarrt stehen. "Ich dachte, mich trifft der Schlag" schildert die 72-Jährige den Anblick einer thronenden Madonna mit Jesuskind aus byzantisch-christlicher Kunst. "Ich wusste sofort: Das ist es", sagt sie. Die Verbindung zu der Steinskulptur in Obermerzbach war ihr spontan klar, und tatsächlich fanden sich im Museum noch zwei romanische, wenn auch kleinere Holzstatuen mit identischem Motiv.

Rasch wurden einige Fotos gemacht, die beim Vergleich mit dem abgewetzten Kunstwerk in St. Michael den Beweis bringen sollten. "Die Erbauer haben wahrscheinlich alles in die Kirche gebracht, was damals so Mode war", schlussfolgerte Karin Meyer-Jungclaussen. Zwei Wochen später hatte sie - nach einem Telefonat mit Kreisheimatpfleger Günter Lipp - die Erklärung für ein weiteres Rätsel parat. Bis ins 16. Jahrhundert hinein war die Kirche katholisch gewesen, so dass eine Marienfigur dort nicht verwunderlich war. Zu ihrer Madonnen-Theorie passt der Platz an der linken Zugangsseite zum Chorraum. An dieser Stelle ist Maria als Mittlerin zwischen den Menschen und Gott bis heute in vielen katholischen Kirchen zu finden, unter anderem auch in St. Laurentius in Ebern.

Die Reformation war in der Region um Ebern heftig umkämpft. Den Streitigkeiten fielen wertvolle Kirchenschätze zum Opfer. Heute ist die Rede vom Bildersturm im 16. Jahrhundert. Gemälde, Skulpturen, Kirchenschmuck und -fenster sowie andere Heiligen-Darstellungen aus den Kirchen wurden entfernt, beschlagnahmt, verkauft oder zerstört.

So dürfte man, vermutet Karin Meyer-Jungclaussen, auch die Muttergottes aus den nunmehr evangelischen Kirche Obermerzbach, verbannt haben. Weil die Figur am Pfeiler untrennbar mit dem Gemäuer verbunden ist, hat man sie wahrscheinlich bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen.

Beim Vorsitzenden des Foto-Creativ-Kreises Ebern, Steffen Schanz, einem Tüftler bei der Bildbearbeitung am Computer, gab die Rentweinsdorferin Bildmontagen in Auftrag, die den letzen Zweifel ausräumten: An der Säule der Obermerzbacher Kirche muss es sich um die thronende Madonna mit Jesus auf dem Schoß gehandelt haben.

"Ich war total aufgeregt und bin es immer noch", sagt Karin Meyer-Jungclaussen, die ihre Entdeckung zunächst einer Bekannten zeigte, die in Obermerzbach gleich neben der Kirche aufgewachsen ist. "Das Gesicht hättest du mal sehen sollen", sagt sie, "der ist richtiggehend die Kinnlade runtergeklappt." "Hervorragend, ganz hervorragend!", jubilierte der Kreisheimatpfleger Günter Lipp, als er die Fotomontagen sah. "Für mich ist das ein eindeutiger Beweis."

Das weibliche Gott-Sein

Karin Meyer-Jungclaussen will ihre Entdeckung nun dem Landesamt für Denkmalpflege präsentieren und natürlich die Öffentlichkeit Anteil haben lassen.

Unseren Reporter empfing sie in der Kirche am Harmonium sitzend, mit dem Lied "Segne du, Maria". Ein altes katholisches Kirchenlied, wie sie sagt. Die Musikerin spielt es gerne, wenn sie Gottesdienste an der Orgel begleitet - auch katholische. "Ich stelle mich in den Ritus", sagt sie, auch wenn ihr als Protestantin die Marienverehrung früher fremd war.

"Aber ich gewinne immer mehr Bezug zu Maria. Dabei ist mir ihre Vermittlerstellung weniger wichtig. Eher der Aspekt des weiblichen Gott-Seins; der kommt zumindest in der evangelischen Liturgie und Theologie viel zu kurz". Ihr gehe es, erklärt sie weiter, nicht um Feminismus. Viel mehr sei es dringend nötig, eine "Leerstelle" in der Theologie endlich zu füllen. "Viele Religionen berücksichtigen diesen weiblichen Aspekt", sagt sie, die katholische Kirche habe Gespür für diesen Bedarf gezeigt, indem sie mit der Rolle Mariens eine Lücke schloss. Nun hat die Muttergottes auch in Obermerzbach wieder den ihr zustehenden Platz gefunden.