Die Talkirche bei Münnerstadt ist ein idyllisches Gotteshaus mitten in der Natur. Ganz im Kontrast zur ländlichen Umgebung steht die Kreuzigungsgruppe des Freialtars. Mit ihrer Wuchtigkeit und Ausdrucksstärke beeindruckt sie und lässt aber manchen Betrachter durchaus erschaudern. Geschaffen hat das Kunstwerk der in Münnerstadt geborene und aufgewachsene Künstler Gottfried Albert. Er bekam 1931 den Auftrag, ein Modell für die Kreuzigungsgruppe zu entwerfen. Aber erst zehn Jahre später wurde die mächtige Passionsdarstellung aufgestellt und eingeweiht. Unterlagen im Pfarrarchiv zeigen, dass wohl nicht alles so rund gelaufen ist wie ursprünglich geplant.

Den Beschluss, an der Talkirche eine Kreuzigungsgruppe aufzustellen, fasste die Kirchenverwaltung 1931. Bernd Eckert, der in Münnerstadt das Pfarrarchiv betreut, hat die entsprechenden Unterlagen dazu gefunden. Gottfried Albert war damals 28 Jahre alt und Meisterschüler an der Staatsschule für angewandte Kunst in Nürnberg. Für die Münnerstädter Kirchengemeinde war es nicht Alberts erster Auftrag. Bereits zuvor hatte er einen Rita-Altar für die Stadtpfarrkirche gefertigt, der sich heute im Pfarrheim befindet.

Beim Katholikentag in Nürnberg stellte Gottfried Albert ein Modell seiner Kreuzigungsgruppe vor. In einem Bericht zum vorgestellten Modell heißt es: "Bei seinem neuen Werk überrascht die kompromisslose Ursprünglichkeit der realistischen Komposition. Diese Kreuzigungsgruppe wirkt in ihrer Wucht und Einfachheit geradezu aufwühlend für den religiösen Beschauer..."

War diese Kompromisslosigkeit ein Grund, weshalb das Werk so lange bis zu seiner Fertigstellung brauchte? Das zumindest kann sich der Münnerstädter Gastronom Bernd Wohlfromm vorstellen, dessen Vater den Künstler gut gekannt hat. Er erinnert sich, dass er vom Vater gehört hat, den Ordensschwestern der Kirchenmusikschule habe die Darstellung missfallen. In der Kirchenmusikschule hatte Gottfried Albert sein Atelier und dort sind die Figuren für die Kreuzigungsgruppe entstanden.

Auch Marlis Albert - ihr verstorbener Mann war ein Neffe des Künstlers - kann sich vorstellen, dass die künstlerische Ausdrucksweise manchem zu modern war. Sie hat erst in den letzten Monaten begonnen, sich intensiver mit dem Werk des Verwandten zu befassen. Seine künstlerische Ausbildung habe er in den 1920er Jahren in einer Zeit des künstlerischen Aufbruchs absolviert. Diese Kunst sei vielleicht ungewohnt gewesen.

Bernd Wohlfromm gefällt die Ausdrucksweise des Künstlers. Er empfiehlt allen Betrachtern, sich einmal direkt unter die Figuren zu stellen und besonders in das Gesicht Mariens zu sehen. Aber er weiß auch, dass dies nicht jedermanns Geschmack ist.

Briefwechsel im Pfarrarchiv

Doch es gibt Unterlagen im Pfarrarchiv, die darauf hinweisen, dass Gottfried Albert selbst mit dem Auftrag nicht weiter kam. Nachdem der Künstler 1931 sein Modell für die Kreuzigungsgruppe vorgestellt hatte, bekam er 1932 den Auftrag in Höhe von 1800 Reichsmark. Bereits im August 1932 errichtete die Münnerstädter Zimmerei Hofmann die drei Holzkreuze auf, an denen die Christusfigur und die Schächer angebracht werden sollten. Eingeweiht werden sollte die Figurengruppe 1935 während der Feierlichkeiten zum Jubiläum 600 Jahre Stadtrechte. Doch die Arbeiten gerieten ins Stocken. Im Pfarrarchiv fand Bernd Eckert Unterlagen, dass die Kirchenverwaltung dem Künstler Ende 1935 sogar eine Fertigstellungsfrist setzte. Danach erklärte dieser, dass er sich nicht in der Lage sehe, die Arbeit selbst fertigzustellen. Eine Begründung dafür findet sich im Archiv nicht, weder ob es private Dissonanzen gegeben hatte, noch ob das neue politische Klima ab 1933 eine Rolle spielte.

Sogar Anwälte wurden bemüht. Am Ende einigten sich beide Parteien darauf, dass ein anderer Künstler die Kreuzigungsgruppe fertigstellen soll. Albert stellte dazu die Modelle zur Verfügung. Entsprechend dieser Modelle mussten die Arbeiten abgeschlossen werden. "Soweit die Figuren bereits fertiggestellt sind, dürfen an diesen, insbesondere dem Gesichtsausdruck, keine Veränderungen durch den noch zu beauftragenden Künstler vorgenommen werden", heißt es weiter in der Vereinbarung vom 14. Oktober 1938. Gottfried Albert seinerseits verzichtete auf eine weitere Bezahlung und behielt nur den Vorschuss von 1300 Reichsmark.

Würzburger beendete den Auftrag

Beauftragt wurde der Würzburger Bildhauermeister Franz Lieb. Aber auch jetzt ließ die Verwirklichung auf sich warten. Zwischenzeitlich war der dritte Stadtpfarrer mit dem Kreuz befasst. Es war Pater Gabriel Schlachter, der Ende April 1941 beim Bistum um die Vollmacht bat, die Gruppe einzuweihen. Dies geschah dann am 4. Mai 1941, kriegsbedingt wohl eher im kleinen Rahmen.

Marlis Albert hat im Vinculum von 1967 einen Beitrag von P. Thomas Beckmann gefunden, der damals über die Kreuzigungsgruppe schrieb: "Man wird weit gehen müssen, ehe man wieder eine Kreuzigungsgruppe findet, die so eindrucksvoll für den Beschauer ist, die auch so ganz nah in ihre Umgebung, die hohen Pappeln rechts und links, der Berg mit dem Wald im Hintergrund, hineingeschaffen ist".

1967 war die Figurengruppe in einem so schlechten Zustand, dass sie restauriert werden musste. Damals erhielten die Figuren einen modernen Kunstharz-überzug, die falsche Wahl, wie sich später herausstellte. Das Holz konnte nicht mehr atmen und faulte von Innen heraus. 1980 wurden die Figuren abgenommen und bis Sommer 1982 von der Klosterschreinerei Weiß restauriert. Die Schäden waren damals so groß, dass bei dem nach oben schauenden Johannes ein neues Gesicht gefertigt werden musste.

Weitere Werke in Münnerstadt

Bis heute gibt es in Münnerstadt noch weitere Arbeiten, die auf den Künstler Gottfried Albert zurückgehen. Präsent in der Öffentlichkeit, aber wegen seines Ausdrucks umstritten, ist bis heute der sogenannte Mahner, der in der Aussegnungshalle des Friedhofs steht. Die 1974 aufgestellte Figur ist nach Wissen von Marlis Albert ursprünglich gar nicht für die Aussegnungshalle geschaffen worden. Der Name "Mahner" ist ihr erst von den Münnerstädtern gegeben worden. Marlis Albert kennt diese Figur noch, als sie in Alberts Werkstatt stand und der "Rufer in der Wüste" war.

Weniger bekannt ist, dass der Entwurf für die Abdeckung des Talkirchbrunnens von Gottfried Albert stammt (1932). Weitere Arbeiten des Künstlers im Ort sind die Madonna am Pfarrhaus, eine Petrusfigur an Marlies Alberts Wohnhaus sowie der Rita-Altar. Im Deutschherrnkeller hängt ein geschnitzter Fassboden aus den 1970er Jahren.

Marlis Albert fand es spannend, sich mit dem Künstler Gottfried Albert intensiver zu befassen. Mittlerweile hat sie zahlreiche Informationen über den verstorbenen Verwandten zusammengetragen. Sie fände es gut, wenn sein Werk in Münnerstadt in einer Ausstellung ins Licht der Öffentlichkeit gerückt würde. Dieser Meinung schließt sich auch Bernd Wohlfromm an.