Dominic Buckreus Wellen schwappen ins Boot. Das Wasser im Augsburger Eiskanal ist zehn Grad kalt. "Man kann schon komplett im Wasser verschwinden", sagt Maximilian Kropf. Der Unterrodacher fährt Wildwasserrafting. Angefangen hat er bei der DLRG Kronach. Jetzt hat er es in die deutsche Nationalmannschaft geschafft.

"Raften ist ein Sport, bei dem du unglaublich viel Power brauchst", erklärt der 27-Jährige. Zu viert oder zu sechst sitzt er mit seinen Mannschaftskollegen des Augsburger Kajak-Vereins in einem Schlauchboot. Damit jagt er so schnell wie möglich den Eiskanal oder Wildbäche hinunter. "Das ist adrenalingeladen." Er mag vor allem den Teamgedanken bei dieser Sportart. Ein Einzelner habe keine Chance, das große Boot durch die reißenden Gewässer zu steuern. Alle müssen zusammenarbeiten. "Wir sind wie ein Uhrwerk", sagt er. "Ich mag diese Teamatmosphäre im Boot. Beim Raften passt jeder auf den anderen auf." Das kennt der Polizist auch aus dem beruflichen Alltag.

Damit das Uhrwerk läuft, braucht es viel Training. Vier- bis fünfmal pro Woche trainiert die Mannschaft im heimischen Eiskanal. Dazu macht jeder für sich viel Krafttraining. Kropf kommt damit auf sechs Trainingstage in der Woche mit je drei Einheiten am Tag, wenn er frei hat. "Ich trainiere hauptsächlich den kompletten Oberkörper, besonders die Schulter und die Arme."

Die "Dampflok" im Boot

Für seine Position im Boot braucht Kropf vor allem Kraft. Im 6er-Boot ist er einer von zwei Raftern, die in der Mitte sitzen (siehe Infokasten). Seine Aufgabe: Gas geben! "Ich bin sozusagen die Dampflok, der Antrieb. Wir müssen die ganze Zeit 120 Prozent geben." Seine Muskelkraft brachte Kropf auch ins Nationalteam. Das Raften lernte er bei der DLRG Kronach, allerdings nur Rettungsraften. Vor vier Jahren stieg er erstmals in ein Kajak. Auf dem Fluss Rodach fuhr er von Schnappenhammer aus bis zu seinem Elternhaus in Unterrodach.

Nachdem er beruflich nach Augsburg versetzt worden war, fuhr er öfters im Eiskanal und trainierte im Kraftraum. Dort wurden die Rafter vom Augsburger Kajak-Verein auf ihn aufmerksam. "Er hat uns beim Hanteltraining überrascht", sagt Jochen Knorz, der Trainer der deutschen Nationalmannschaft. "Er ist mit seinen 80 Kilo ein Leichtgewicht, hat aber sehr viel Kraft." Nach einigen Probetrainings nahm er Kropf im Oktober 2018 ins Team auf. Dabei hat Kropf anfangs gar nicht gewusst, wen er vor sich hatte. Dass es sich um die Nationalmannschaft handelte, offenbarten ihm seine heutigen Teamkollegen erst Wochen später.

Mit der Berufung ins Nationalteam geht für den Unterrodacher ein Traum in Erfüllung. In dieser Woche findet die Europameisterschaft in Bosnien-Herzegowina teil. Die letzte Großveranstaltung in Bosnien vor vier Jahren hat etwa 40 000 Zuschauer angelockt, sagt er. Zahlen, von denen die Rafter in Deutschland nur träumen können. "Warum dieser Sport bei uns so wenig Präsenz hat? Diese Frage stellen wir uns schon seit Jahren", sagt Trainer Knorz. "Die ganze Welt, die mit Wildwassersport zu tun hat, sagt, Augsburg sei das Mekka. Jeder kennt den Eiskanal. Aber wenn bei uns ein großes Event ist, kommen ganz wenige Zuschauer. In anderen Ländern, wie zum Beispiel in China, wird man behandelt wie ein Popstar. Das ist eine komplett andere Welt."

Eine große Enttäuschung

Geld verdienen die Rafter mit ihrem Sport nicht. "Man bekommt Preisgeld, aber das deckt sich meistens mit den Unkosten. Viel läuft über Sponsoren oder kommt aus der eigenen Tasche", erklärt Kropf. Selbst das Trikot der Nationalmannschaft musste er selbst bezahlen. In dieser Woche hätte er den Adler auf der Brust auch gerne bei der EM in Bosnien getragen. Doch drei Tage vor der Abreise musste das Nationalteam die Teilnahme verletzungsbedingt absagen. "Richtig scheiße, ich war maßlos enttäuscht", beschreibt Kropf seine Gefühlslage nach der Absage. Doch ein paar Tage später hat er sich von dem Schock erholt und ist jetzt noch motivierter.

Nach Bosnien fährt er trotzdem. Zusammen mit einem Teamkollegen wollen sie das EM-Flair aufsaugen und die Teams beobachten. "Wir nehmen eine Kamera mit und filmen unsere künftigen Gegner, damit wir sie besser analysieren können. Gerade für unser nächstes Turnier, den Euro-Cup in London." Außerdem besteht noch die Möglichkeit als Kampfrichter an der EM teilzunehmen.

Schiedsrichter greifen nicht ein

Neben den Disziplinen Sprint und Slalom, bei dem jedes Boot einzeln startet, gibt es beim Rafting auch direkte Duelle (siehe Infokasten). "Rafting ist eine harte Sportart. Vor allem das Head-to-Head taugt mir. Es ist alles erlaubt, außer dem anderen eine reinzuhauen natürlich. Die Schiris greifen nicht ein. Wenn du etwas bemängelst, musst du das selbst beweisen. Deswegen haben wir auf dem Boot eine Kamera dabei."

Bei allem Hauen und Stechen werde es auf der Strecke jedoch nicht gefährlich: "Kajak fahren ist weitaus gefährlicher. Es dauert schon, bis man ein Raft umschmeißt. Bei Strecken mit Wildwasserstufe 5 kann man aber schon mal aus dem Boot fliegen. Dann musst du so schnell wie möglich wieder rein. Aber die Gefahr ist nicht größer, als bei jedem anderen Sport."

Raften sei vor allem als Freizeitbeschäftigung beliebt. Jeder könne unter Begleitung eines Profis ins Boot steigen und einen Wildbach hinunterrauschen, erklärt Kropf. Neben dem Boot braucht man dazu eine Schwimmweste, Helm, Paddel und eventuell einen Neoprenanzug. Das alles stellen die Anbieter. Diese sucht man im Frankenland jedoch vergeblich. "Man braucht einen Wildbach zum Fahren. Das gibt es in unserer Region nicht", bedauert Kropf.