von unserem Redaktionsmitglied Katja Müller

Zeil — 895 Gramm leicht und 35 Zentimeter klein: Amelies Start ins Leben war kein leichter. Weil sie im Mutterleib nicht mehr optimal versorgt werden konnte, wurde die Kleine am 13. Juli 2014 mit nur 30 Wochen im Uniklinikum Würzburg auf die Welt geholt. Das Leben der Kleinen hing wochenlang am seidenen Faden. Die Diagnose Trisomie 21, auch bekannt als Down-Syndrom, war für die Eltern Norbert und Julia Weinhold aus Zeil zu diesem Zeitpunkt nur noch Nebensache.
"Für uns war nur wichtig, dass sie durchkommt", erinnert sich Julia Weinhold und drückt ihre Tochter an sich. Zusammen mit Papa Norbert geben die drei ein sehr harmonisches Bild ab: Amelie döst und schmatzt zufrieden, während sich ihre Eltern an die Zeit vor ihrer Geburt zurückerinnern.

"Ich kann nicht abtreiben"

Bereits in der zehnten Schwangerschaftswoche entschieden sich die Weinholds für den "Harmony-Test". Dabei wird mithilfe einer Blutprobe der Mutter untersucht, ob eines der Chromosome 21, 18 oder 13 mehrfach vorhanden ist (Diagnose Trisomie, die häufigste Form ist Trisomie 21). Das Ergebnis war positiv, das Paar geschockt. "Da hat man gleich Bilder von schwerstbehinderten Kindern im Kopf", so Julia Weinhold. Die heute 40-Jährige hatte sich für die Pränataldiagnostik entschieden, weil Frauen über 35 Jahren als Risikopatientinnen gelten.
Erst flossen die Tränen, dann begann sich das Paar zu informieren. "Wir haben uns Internetvideos angesehen und Bücher gewälzt. Dabei sind wir auf viele glückliche Eltern gestoßen, die total happy mit ihrem Down-Kind waren", erzählt Norbert Weinhold.
Die Gewissheit, ihr Kind zu behalten, brachte die Fruchtwasseruntersuchung. Dabei durchsticht der Arzt unter Ultraschallkontrolle mit einer dünnen Kanüle die Bauchdecke der Mutter und saugt einige Milliliter Fruchtwasser ab, in dem kindliche Zellen schwimmen. "Als ich auf dem Ultraschallbild gesehen habe, wie der kleine Mensch in mir versucht, der Nadel auszuweichen, wusste ich: Ich kann nicht abtreiben", erzählt Julia Weinhold. Für sie und ihren Ehemann war klar: Wir behalten das Kind.
Damit gehören die Weinholds zu einer Minderheit. 90 Prozent der Eltern entscheiden sich für einen Schwangerschaftsabbruch. "Uns wurde klar, dass wir über die Diagnose vor allem traurig sind, weil unsere Erwartungen an ein Kind enttäuscht worden sind. Aber es geht nicht um uns, es geht ums Kind", erklärt Norbert Weinhold: "Und 99 Prozent der Kinder mit Down-Syndrom sind glücklich." Seine Frau ergänzt: "Wir möchten betroffenen Eltern Mut machen, nicht gleich abzutreiben, sondern sich zu informieren. Kinder mit Down-Syndrom können so viel, wenn man sie fördert. Und es sind so liebe, aufgeschlossene Menschen."
Tatsächlich ist Amelie ein sehr pflegeleichtes Kind. Sie fremdelt nicht, schläft über Nacht durch und kuschelt gerne mit ihren Eltern. "Wenn ich gewusst hätte, was für eine süße Maus wir bekommen, hätte ich mir während der Schwangerschaft gar keine Sorgen gemacht", schwärmt Julia Weinhold. Im Juli möchte die gelernte Krankenschwester wieder in ihren Beruf zurückkehren. Amelie kommt dann in die Kinderkrippe. "Ich bin mir sicher, dass ihr der Kontakt mit anderen Kindern gut tun wird", erklärt Julia Weinhold. Freunde, Familie und Bekannte hätten größtenteils positiv auf Amelies "Besonderheit" reagiert. "Manche sagen offen, dass sie Berührungsängste hatten und froh sind, ihre Vorurteile jetzt abbauen zu können. Das ist mir wichtig", betont Julia Weinhold gegenüber unserer Zeitung.