Die Corona-Pandemie hat alle fest im Griff und die Auswirkungen speziell auf die Kulturszene sind gewaltig. In dieser brisanten Situation äußert sich Peter Wicklein, Künstlerischer Leiter der Sonneberger Jazztage, zur näheren Zukunft des Festivals (siehe auch www.son-jazz.de).

Die Corona-Pandemie hat die kulturellen Veranstalter hart getroffen, wie gestalten sich die Folgen für die Sonneberger Jazzfreunde und gibt es Planungen für ein Festival in diesem Jahr? Peter Wicklein: Zur Beruhigung aller unserer Anhänger kann ich hiermit erklären, dass die Vereinsarbeit über das Homeoffice ununterbrochen weitergegangen ist. Die Planungen für die 34. Sonneberger Jazztage laufen bereits seit zwei Jahren, weil die Exklusivität der internationalen Künstler uns gar keine andere Wahl lässt. Ohne eine entsprechende Vorlaufzeit ist es unmöglich, solche Koryphäen wie heuer Ute Lemper oder wie in den vergangenen Jahren Joja Wendt, Max Mutzke, Nils Landgren oder Klaus Doldinger nach Sonneberg zu holen. Das Programm für die Jazztage steht also schon seit vielen Monaten fest und kann inzwischen auch über unsere Homepage offiziell abgerufen werden. Die Bedeutung langfristiger Planungstätigkeit kann ich gar nicht genug betonen, sie betrifft nicht allein nur die künstlerische Besetzung, sondern auch die finanzielle Absicherung des Festivals durch Sponsoren und Partner. Die vertrauensvollen Beziehungen zu unserer Stadt, zu staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen und zu Privatunternehmen müssen unabhängig von konkreten Veranstaltungen kontinuierlich gepflegt werden. Das in uns gesetzte Vertrauen der Sponsoren und Partner können die Sonneberger Jazzfreunde nur durch die hohe künstlerische Attraktivität unserer musikalischen Angebote rechtfertigen. Wiederholt habe ich schon auf die Leuchtturmfunktion hingewiesen, die unserem Jazzfestival bereits vor etlichen Jahren vom damaligen Kultusminister Christoph Matschie bescheinigt wurde. Darauf sind wir stolz, können uns aber nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Natürlich spüren auch wir, wie alle Kultur- und Kunstschaffenden, die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Live-Konzerte sind eine essenzielle Bedingung der Jazzmusik, ohne die physische Nähe zum Publikum können lebendige improvisatorische Ausflüge in die vielfältigsten musikalischen Bereiche unseres Lebens auf Dauer nicht überzeugend realisiert werden. Kurz gesagt: Jazz braucht die besondere Atmosphäre, die durch die Anwesenheit von aufgeschlossenen Menschen entsteht. Bedingt durch die gegenwärtige Situation im Zuge der Corona-Pandemie ist das nicht möglich, deshalb mussten wir mit großem Bedauern das uns sehr am Herzen liegende Konzert "Jazz im Rathaus" am 3. April mit dem finnischen Pianisten Tuomas A. Turunen und dem Trio "Edgar Knecht Trio featuring Frederik Köster" für dieses Jahr ausfallen lassen. Das Konzert soll voraussichtlich am 20. März 2021 nachgeholt werden. Wegen fehlender Planungssicherheit fällt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch der eigentlich Ende September stattfindende "Jazz in der Villa" im Saal der Musikschule ins Wasser. Im Mittelpunkt beider Veranstaltungen standen europäische und spezifisch skandinavische Spielarten des Modern Jazz, dessen Anhängerschaft in den letzten Jahren gestiegen ist.

Wie sieht es dann aber konkret mit den Sonneberger Jazztagen im November aus, werden die überhaupt stattfinden können?

Ich bin verhalten optimistisch, bis dahin ist noch etwas Zeit. Die Sorge um die Gesundheit unserer Festivalbesucher, Künstler und Partner steht natürlich an erster Stelle. Wir werden die Entwicklung der Corona-Pandemie selbstverständlich abwarten und keine leichtfertigen Entscheidungen treffen. Spätestens Anfang September werden wir uns dazu in allen zur Verfügung stehenden Medien zu Wort melden. Als ziemlich sicher gilt, dass der offizielle Kartenvorverkauf nicht am 1. August starten kann, weil wir die Lage im Moment noch als zu problematisch einschätzen müssen. Den genauen Startzeitpunkt des Kartenvorverkaufs werden wir veröffentlichen, wenn die Entscheidung zur Durchführung der 34. Jazztage gefallen ist. Im Moment gehe ich davon aus, dass wir das Festival nicht unbedingt absagen müssen. Ich möchte darauf hinweisen, dass der Lockdown unseren Menschen einiges abverlangt hat. Bedenken wir, dass Musik die ehrlichste Sprache der menschlichen Seele ist und wir in diesen schwierigen Zeiten die Verwundbarkeit unserer Gefühlswelt nicht außer Acht lassen dürfen. Der amerikanische Klarinettist und Saxofonist Mezz Mezzrow hat einmal gesagt: "Jazz ist eine Feier alles Lebenden und Atmenden, eine Kampfansage an den Tod, eine Weigerung unterzugehen, ein eigensinniges Anklammern, ein Lobgesang an den Blutkreislauf, ein Hosianna auf die Schweißdrüsen, ein Hymnus auf den Magen, der schmerzt, wenn er leer ist." Diese Aussage in diesen Zeiten ist ein wichtiges Statement und sollte die Gedanken aller Verantwortlichen darauf richten, dass der Erhalt unserer kulturellen Landschaft keine nebensächliche Sache ist. Wir unterstützen in dieser Hinsicht die Aktivitäten der Landesarbeitsgemeinschaft Jazz unter Leitung des Geschäftsführers Thomas Eckardt, der gegenüber dem Ministerium für Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten in Thüringen für eine vorsichtige Öffnung des Landes für Veranstaltungsformate unter Einhaltung von strikten Hygienevorschriften eintritt.

Gibt es denn einen Plan B für den Fall, dass die Infektionslage im Herbst keine oder nur sehr eingeschränkte Jazztage zulässt?

Ich bitte um Verständnis, dass wir uns zu diesem Zeitpunkt nicht in Spekulationen verlieren wollen über alle möglichen "Wenn" und "Aber". Wir diskutieren im Verein die verschiedenen Handlungsoptionen und müssen uns der Infektionslage und den rechtlichen Rahmenbedingungen anpassen. Das sind wir unserem Publikum schuldig, das ja altersmäßig zu einem nicht unerheblichen Teil der sogenannten Risikogruppe angehört. Nageln sie uns aber bitte nicht fest, welche konkreten Beschränkungen oder hygienischen Auflagen wir für realisierbar halten. Sicher ist, dass wir unseren Besuchern eine vollwertige Programmstruktur bieten wollen und "Jazz in Concert" am Samstagabend kaum mit nur halber Zuschauerzahl durchführbar ist. Ich möchte jedoch die Gelegenheit beim Schopfe fassen und allen herzlich danken, die uns bisher bei der Vorbereitung der 34. Sonneberger Jazztage tatkräftig unterstützt haben. Besonders schätze ich den Zusammenhalt der Mitstreiter im Verein, die gemeinsam an einem Strang ziehen und gegen die gelegentlich auftretenden Widrigkeiten im täglichen Ehrenamt ankämpfen. Großer Dank gilt an dieser Stelle der Vorsitzenden Ingrid Faber, den Vorständen Christoph Armbrecht und Alfred Tenner und den Beiräten Peter Fischer, Fred Ulbricht, Ulrich Nimz, Anne Ehrhardt und Rüdiger Koch. Ich appelliere an alle unsere Partner, Sponsoren und Unterstützer: Bleiben sie uns treu, wir benötigen ihre Hilfe in diesen schweren Zeiten ganz besonders und bedanken uns für die außerordentlich gute Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren.

Welche Höhepunkte bietet denn das Programm der 34. Sonneberger Jazztage?

Zunächst will ich noch einmal betonen, dass alle Angaben wegen der Corona-Pandemie unter Vorbehalt zu sehen sind. Wenn wir die Jazztage durchführen können, handelt es sich um ein äußerst vielfältiges Programm, das mehrere Stilrichtungen und Grenzbereiche populärer Jazzmusik abdeckt. Unser Stargast für "Jazz in Concert" am 14. November im Gesellschaftshaus ist die Schauspielerin, Sängerin und Musicaldarstellerin Ute Lemper, die mit eigener Band ihre "Songs from a broken heart" performen wird. Die in New York lebende Ausnahmekünstlerin beherrscht die Interpretation von Kurt-Weill-Kompositionen ebenso wie Chansons, Jazzballaden und berühmte Musicalmelodien. Als eine der berühmtesten deutschen Sängerinnen wird sie auf den Bühnen der ganzen Welt gefeiert. Nicht minder auf Publikumsinteresse wird das "Opening" im Gesellschaftshaus am 12. November stoßen, zu dem die Gruppe "Conexion Cubano" aus der Karibik erwartet wird. Alle Musikfreunde, die den von Ry Cooder entdeckten "Buena Vista Social Club" kennen und den authentischen Son Cubano lieben, werden dabei voll auf ihre Kosten kommen. Zur "Friday-Night-Party" am 13. November kommt das hochexplosive Musikantenkollektiv "Funky Dumb Stuff" aus Erfurt ins Gesellschaftshaus. "Have a good time" am 13. November im "Lindenhof" in Neustadt und "Saturday Morning" am 14. November im City-Center Sonneberg bestreitet die italo-deutsche Party-Band "Brazzo Brazzone", deren humorvolle Show deftig mit Balkanjazz, Swing und Brass gewürzt ist. Mit dem "Afro Gospel Choir" ist es uns gelungen, wieder eine international hochwertig besetzte Gospelgruppe zu engagieren, die am 15. November das Publikum in der Kirche St. Aegidien in Oberlind verzaubern wird. Ganz besonders freue ich mich über die Besetzung unserer beiden Schulkonzerte am 16. November, denn dann spielen in der Jazzband der Musikschule des Landkreises Sonneberg junge Leute aus unserer Region für die Schüler der Gymnasien. Die Fragen stellte Fred Ulbricht.