Hilferufe aus dem Dunkel, gellende Schreie aus den Rauchschwaden heraus, blutende Menschen, die auf Rettung und Versorgung warteten. Es waren furchtbare Szenen, die sich in der Tiefe des Bahntunnels Eierberge abspielten. Die sehr realitätsnahe Katastrophenübung am Samstag band rund 650 Einsatzkräfte und an die 200 Fahrzeuge.
Neugierige und fragende Blicke entlang der Zugangsstraßen. Menschen wunderten sich über das Aufgebot all der Fahrzeuge, deren Martinshörner zu hören waren oder die mit Blaulicht an ihnen vorbeifuhren, staunten über den Helikopter der Bundespolizei. Schweres Gerät, unterwegs wegen eines Horrorszenarios, das lange vorbereitet war: ein Zug, der im Tunnel brennend zum Stehen kommt, mit verletzten Fahrgästen, die vor lauter Rauch nicht zu sehen und nur schwer zu retten sind.


Im Dezember wird's ernst

Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember wird die Deutsche Bahn auch die für Hochgeschwindigkeit ausgelegte Neubauteilstrecke Erfurt-Ebensfeld in Betrieb nehmen. Doch ohne eine sogenannte Katastrophenvollschutzübung großen Ausmaßes darf sie es nicht. 22 Tunnel liegen entlang der Strecke auf thüringischer und bayerischer Seite, das bedeutet 22 Übungen.
Und so rückten sie an, die Feuerwehren aus den Landkreisen Lichtenfels, Coburg und Sonneberg sowie Kräfte von BRK, THW und Polizei. Sie verteilten sich strategisch auf fünf Rettungs- sowie weiteren Sammel- und Bereitstellungsplätzen. Alles unter Beobachtung auch von Journalisten der ARD und der Süddeutschen Zeitung.
90 Stufen ging es den Treppenschacht hinunter, dorthin, wo sich die schweren Schleusentüren zum Tunnel befinden. Diese Strecke werden Feuerwehrrettungskräfte im Ernstfall in voller Montur mit Atemschutzgerät zurücklegen müssen. Eine körperliche Tortur.
Es ging durch Schleusen und letztlich auf eine 3765 Meter lange Tunnelstrecke, auf der ein Zug liegen geblieben war. Die Tunnelwelt ist beeindruckend, ausgelegt für einen Begegnungsverkehr mit Geschwindigkeiten von 300 Stundenkilometern. Dann hört man die Schreie, sie kommen aus östlicher Richtung, so weit entfernt, dass der Zug schwer zu erkennen ist.


27 Verletzte

Als die Übungstrupps und Manöverbeobachter eintreffen, wird schnell klar: Im Ernstfall würde das sich bietende Bild eine Katastrophe bedeuten, bei der man mitunter - Disco-Nebel macht's möglich - die Hand vor Augen nicht sieht.
101 Fahrgäste und unter ihnen 27 Verletzte: Frauen mit schwer blutenden Kopfwunden, Männer mit Splittern, die ihnen im Leib stecken. "Wir spielen mit", so Hauptkommissar Fabian Hüppe von der Bundespolizei über die Statistenrolle der Polizeischüler.
Hinter all dem Geschehen stehen in besonderer Weise zwei Männer: Stefan Zapf und Marc Stielow, der eine Franke, der anderer Thüringer, der eine Kreisbrandinspektor, der andere Oberbrandrat im thüringischen Innenministeriums. Über vier Jahre entwickelten die beiden Männer bis 2015 ein Rettungskonzept für Zugbrände in Tunnel-Anlagen. Sie riefen auch Arbeitsgruppen ins Leben, um die Ideenfindung "auf viele Schultern zu verteilen".
Wie sind die Schienen für Rettungsmaterial und Abtransport Verletzter zu nutzen? Wie baut man Patientenablageplätze auf? Wie lassen sich Kräfte reibungslos an die Einsatzstelle heranführen? Zapfs und Stielows Überlegungen sind strategischer und taktischer Natur, berücksichtigen den Einsatz von Atemschutz, Lösch- und Warngeräten und haben Tunnelbasiseinheiten herausgebildet.
Geprobt wurde der Ernstfall von ehrenamtlichen Feuerwehrleuten auch in der Schweiz. "Das war echte, harte Arbeit", wie sich Zapf erinnert. Zu dem Gesamtkonzept gehört auch das Ausbilden von Multiplikatoren unter den Feuerwehrleuten.
Denn eines scheint festzustehen: Ohne Ehrenamt ist ein Ernstfall nicht zu bewältigen. Das scheint der DB-Netz AG auch etwas wert zu sein. Ein Sprecher der Bahn erklärte hierzu: "Entlang der Neubaustrecke sind in Thüringen und Bayern elf Feuerwehrautos und Atemschutzausrüstungen von der Bahn bezahlt worden."
Nach über vier Stunden dann aus dem Leitstand im Bad Staffelsteiner Feuerwehrhaus die Manöverkritik von Kreisbrandrat Timm Vogler: "Die Übung hat ohne Beanstandung geklappt!"