"Wir machen uns Sorgen", sagt Bettina Dörfling, Vorsitzende des Kinderschutzbundes Coburg Stadt und Land. Je länger die Ausgangsbeschränkung andauert und die Kitas und Schulen geschlossen bleiben, desto größer sei die Belastung für Familien und insbesondere für die Kinder. Ein Spagat: Auf der einen Seite finanzielle Ängste und Sorgen der Eltern, auf der anderen Seite Kinder, denen es langweilig ist und die vielleicht überfordert sind, die häuslichen Schulaufgaben zu erledigen.

Wie geht es Kindern, deren Eltern schon vor der Pandemie vielfach belastet waren? "Wir vermuten, dass hier einige Familien am Rande der Belastung stehen und hoffen sehr, dass überforderte Eltern sich Hilfe holen. Dafür haben wir jetzt unser Notfallhandy freigeschaltet", informiert die Sozialwissenschaftlerin.

Schon in der zweiten Woche der Schul- und Kita-Schließung hätten die Anrufe zur Beratung zugenommen. Sowohl Alleinerziehende als auch getrenntlebende Paare hatten Fragen zu unterschiedlichen Themen (Umgang mit Medienzeit, Verweigerung des Kindes gegenüber den häuslichen Schularbeiten, Konflikte zwischen den Geschwistern). "Überraschend für uns war, dass auch vermehrt Fragen aufkamen, bei denen es sich um einen drohenden finanziellen Engpass und sogar Wohnungslosigkeit handelte", berichtet Bettina Dörfling. Ob die häusliche Gewalt tatsächlich zugenommen hat, lasse sich schwerlich festmachen. Die Hürde, sich diesbezüglich zu öffnen, sei vor der Pandemie schon sehr groß gewesen. Oft würden eher andere Problematiken aus dem Familienalltag am Telefon behandelt werden und gemeinsam nach Lösungen gesucht. "Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Anrufe zunehmen wird, wenn die Ausgangsbeschränkungen bleiben und auch die Schulen weiter geschlossen sind", ist sich die Vorsitzende sicher. Eltern haben ein Recht auf Beratung und gerade die aktuelle Situation stelle Eltern vor besondere Herausforderungen, denn alle Beratungsstellen seien geschlossen.

Neue Tagesstruktur

"Wir hören zu und nehmen uns Zeit für besorgte und belastete Eltern. Das wirkt meistens schon entlastend. Wir können am Telefon auch Anregungen oder Ideen geben, um die ein oder andere problematische Situation zu Hause zu lösen", sagt Dörfling. Es brauche jetzt eine neue Tagesstruktur - Schulzeit für die "Großen", Spielzeit für die Kleinen, Homeoffice für die Eltern, gemeinsame Zeit, vor allem tägliche Spaziergänge bei beengten Wohnverhältnissen könnten sehr hilfreich sein, um dem Bewegungsdrang von Kindern entgegenzukommen, um Spannungen abzubauen oder bereits im Vorfeld nicht entstehen zu lassen.

Viele Eltern seien krisenerfahren und würden bereits viele Kompetenzen besitzen, auf die sie zurückgreifen können. Eltern sollten sich überlegen, was sie gut machen und was sie an ihrem Kind besonders mögen. Das Loben und Motivieren sei für alle wichtig und ganz besonders für Kinder. Besondere Zeiten bräuchten auch besondere Regeln: Warum nicht die Matratze auf den Boden legen und Tobe-Spiele veranstalten? "Eltern sollten mit ihren Kindern mehr sprechen, diese sind gerade jetzt verständnisvoller, als wir es vermuten", macht Dörfling Mut. Wichtig sei jedoch, nicht zu warten, bis es zu Hause eskaliert, sondern sich im Vorfeld Unterstützung zu holen. Dafür sei der Kinderschutzbund da.

Hohe Hemmschwelle

"Auch Kinder und Jugendliche können uns anrufen! Wir rufen selbstverständlich auch zurück. Die Hemmschwelle, dass Kinder und Jugendliche uns anrufen, ist jedoch sehr hoch. Es ist ja nicht Aufgabe der Kinder, Veränderungen einzufordern, sondern die Verantwortung der Erwachsenen, für Veränderungen zu sorgen", stellt Dörfling fest. "Kinder werden sich nur in höchster Not melden, wenn die Gewalt durch Eltern zunimmt."

Bislang konnten Lehrkräfte oder Erzieherinnen auf auffällige Verhaltensweisen reagieren und das Gespräch mit den Eltern suchen. Mit der Ausgangsbeschränkung gibt es nun keine Zeugen mehr, die etwas beobachten oder Hilfestellungen für überforderte Eltern geben können. Dörfling: "Deshalb sind wir besorgt und appellieren an Eltern, sich Unterstützung zu holen, sei es telefonisch bei befreundeten Eltern oder bei uns."