Eine kleine Geschichte aus einem kleinen Dorf mitten in Franken. Die vergangenen Monate waren nicht einfach, zu vieles war nicht erlaubt, ist immer noch nur eingeschränkt möglich, und wie es weitergeht, ist offen. Auch vor alten Traditionen macht Corona nicht halt, so sind auch Kirchweihen mit allen dazugehörigen Ritualen ersatzlos gestrichen. Nicht alle wollen sich damit abfinden.

Pfiffige Ortsmadle und -burschen geben sich Mühe, unter Befolgung aller Regeln zumindest einen kleinen Kerwabaum auf der Festwiese aufzustellen. Feiern diesen voll Stolz, distanziert, kurzweilig im Freien und freuen sich über positive Reaktionen der Nachbarschaft. Der Trauerflor am Baum machte ohne Worte klar, was alle dachten. Doch was dann passiert, ist schon fast ein Fall für das "Königlich Bayerische Amtsgericht" und entbehrt jeglichen Respekts fürs Brauchtum.

Schälen, nicht schubsen

Keine Kerwa, aber ein Baum, was für eine schöne Idee. Ohne Kerwa, ohne Baumwache - warum nicht? Wer sollte kommen und den Baum schälen? Warum sollte jemand das in diesen Zeiten tun? Es sollte doch möglich sein, den Falkendorfern neidfrei einen kleinen Baum zu gönnen. Aber nein.

Es ist alte Tradition, die Baumwache zu umgehen, den Baum zu schälen und so Schande und Schmach über die Ortsmadle und -burschen zu bringen, die ihren Baum nicht ausreichend bewachen konnten. Doch mitten in der Nacht mit dem Taxi vorzufahren, den Fahrer für eine schnelle Flucht mit laufendem Motor warten zu lassen, um sich an dem erst knapp zwölf Stunden stehenden Kerwabaum zu vergehen, ist schlichtweg unsolidarisch.

Mindestens vier grau gekleidete Jugendliche drückten sich mit vollem Körpereinsatz wieder und wieder gegen den stolzen Baum, bis dieser letztlich unter lautem Knarzen zu Boden sank. Wie ein dunkler Schatten lag seine Krone im nächtlichen Gras, neben ihm abgebrochene Äste und einige der schwarzen Dekobänder. So schnell die Übeltäter kamen, so schnell verschwanden sie wieder. Der Baum - mehr denn je ein Mahnmal ausgesetzter Tradition.

Rinde als Trophäe

Üblicherweise wird die Rinde eines geschälten Kerwabaums als Trophäe aufbewahrt, doch dafür war keine Zeit. Auch ist es keine Heldentat, einen ungeschützten Baum zu überfallen. Mit Ruhm und Ehre haben sich diese Ortsburschen mit mindestens einem Mädel im Team nicht bekleckert. Ob sie Anerkennung in ihrer Gruppe dafür ernten - fraglich. Eine adäquate Entschuldigung wäre sicher angebracht.

Doch wie die unbeugsamen Gallier, so haben auch smarte Bürger in einer rein privaten Ersatzkerwa einen (Laub-)Kerwabaum aufgestellt und geschmückt. Auch wurde im Rahmen dieser Familienfeier ein Betzentanz inklusive Dekolamm und ein Tauziehen in Stellvertretung der umliegenden freiwilligen Feuerwehren durchgeführt.

Dieser Baum stand unweit des großen Originals, jedoch gut versteckt im privaten Garten. Der üblen Schandtat zum Trotz darf und soll dieser bunt behängte Baum nun am Gartenzaun an diese besondere Kerwa 2020 erinnern.