Carmen Schmitt

Es läuft "Kevin allein zu Haus", als es sich der Familienvater mit seiner Tochter und deren Freundin auf dem Sofa gemütlich macht. Und wurde übergriffig. Das Amtsgericht Bad Kissingen hat über den 46-Jährigen gestern die Mindeststrafe für sexuellen Missbrauch an Kindern verhängt. Dem elfjährigen Nachbarsmädchen war er an diesem Nachmittag im Oktober zu nahe gekommen. "Es war alles so, wie sie es gesagt hat", meint der Angeklagte vor dem Gericht und vergräbt sein Gesicht in den Handflächen. Dieser "einmalige Ausrutscher" kostet ihn sechs Monate, die zur Bewährung auf drei Jahre ausgesetzt werden, und eine Geldstrafe in Höhe von 2000 Euro.
Seine Stimme stockt. Tiefe Falten auf der Stirn. Der Mann aus dem Landkreis stützt seine Ellenbogen auf die Anklagebank und reibt sich über die Brauen. "Ich kann es mir absolut nicht erklären." Er war nicht verliebt in das Nachbarsmädchen oder habe sich zu ihr hingezogen gefühlt, antwortet er der Richterin. Trotzdem ist er ihr über die Hose gestrichen, hatte ihr Bein gestreichelt und ihre Scheide berührt, als sie zusammen mit ihm und seiner zehnjährigen Tochter auf der Couch lag.


Familie verzeiht dem Nachbarn

Kurz zuvor war seine Ehefrau ausgezogen. Die beiden Kinder nahm sie mit. Die Trennung kam nicht überraschend, sagt der Angeklagte leise. "Aber ich hatte bis zuletzt Hoffnung." "Nein", antwortet der Angeklagte der Richterin, Probleme im Sexleben habe das Ehepaar nicht gehabt. Er schüttelt den Kopf. Für seine Tat habe er keine Erklärung. "Dafür lege ich meine Hand ins Feuer, dass so etwas nicht mehr passiert."
Früher hat das Mädchen oft mit der Familie zu Abend gegessen. Die beiden Mädels spielten zusammen und das Nachbarschaftsverhältnis war gut. Und das soll es auch bleiben, schreibt die Mutter des Opfers in einem Brief ans Gericht.
Der Angeklagte habe sich aufrichtig entschuldigt. Die Familie hat diese Entschuldigung angenommen, meint die Mutter in ihrem Schreiben. Am liebsten würde sie auf eine Verhandlung verzichten. Doch das Gericht wollte den 46-Jährigen auf der Anklagebank. "Leuten, die so etwas getan haben, fällt es schwer, darüber Klartext zu sprechen", sagt die Richterin. Dem Mädchen blieb eine Aussage vor Gericht erspart. Bei der Polizei hatte der Angeklagte im Vorfeld alles eingeräumt, nachdem sich die Elfjährige einer anderen Freundin aus der Straße anvertraut hatte.
Mit dem Urteil bleibt das Gericht unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Die wollte eine zehnmonatige Bewährungsstrafe. Eine Therapie wird nicht zur Auflage gemacht. Der einzige Zuhörer im Gerichtssaal blickt ruhig. Die Ehefrau hatte den Angeklagten zum Prozess begleitet und stand ihrem Mann bei. Es sei noch kein endgültiger Schlussstrich unter die Ehe gezogen, sagt der.
Der Angeklagte nimmt sein Urteil an. Das Wichtigste für ihn: Die beiden Mädchen sind weiter befreundet. Am meisten hat ihn gefreut, erzählt er, wie die Elfjährige seine Tochter zum Spielen besuchte, ihm die Hand reichte und sagte: "Vergessen."