von unserer Mitarbeiterin Ulrike Langer

Haßfurt — Um die Zukunft des städtischen Einzelhandels angesichts der Herausforderung durch das Internet ging es bei einem Vortrag von Professor Gerrit Heinemann. Der Betriebswirtschaftler an der Hochschule Niederrhein referierte auf Einladung der Stadt in der Stadthalle in Haßfurt.
Eigentlich war die Veranstaltung vor allem für die Einzelhändler gedachtet, die jedoch größtenteils fehlten - was manche der Thesen Heinemanns erst recht bestätigte. Dabei steht für Bürgermeister Günther Werner fest: "In vielen mittelständischen Unternehmen hat die Generation 45plus die Zügel in der Hand, aber zwei Drittel haben wenig Ahnung von der digitalen Welt. Sie hinken den aktuellen Entwicklungen hinterher." Dabei komme es nicht darauf an, in direkte Konkurrenz zu den großen Unternehmen im Netz zu treten, sondern darauf, sich auf die eigentlichen Stärken zu konzentrieren und gleichzeitig nicht außer Acht zu lassen, welche Chancen das Internet bietet. Die Zukunftsfähigkeit vieler Städte werde stark davon abhängen, wie Online und Offline verzahnt seien. Haßfurt habe in der Hauptstraße und der oberen Vorstadt kostenloses W-Lan installiert, das auch in Geschäften und Restaurants verfügbar sei.
"Ich will Ihnen zeigen, wohin die Reise im Handel geht", eröffnete Professor Gerrit Heinemann, der überzeugt davon ist, dass das Wachstum im Online-Handel weitergeht. "Der Kunde nutzt das Internet und wird damit auch nicht aufhören", so sein Statement.

"Deutschland hat versagt"

Es sei erschreckend, dass Amazon, Ebay und Apple 65 Prozent Marktanteil im E-Commerce hätten und insgesamt rund 25,8 Milliarden Euro Umsatz erwirtschafteten, Deutschland bei diesem Thema aber "komplett versagt" habe. Der größte deutsche Online-Händler Zalando habe nur 889 Millionen Euro Umsatz verzeichnet. "Amazon ist eine Feuerwalze, der niemand etwas entgegensetzt", so Heinemann. Von den 25 größten deutschen Non-Food-Händlern hätten zwar 84 Prozent einen Online-Shop, aber nur 56 Prozent eine mobile App. "Wofür kassieren die Manager eigentlich ihre Millionen?", fragte der Referent. "Denn 85 Prozent des deutschen Handels gehen am modernen Käufer einfach vorbei."
Heinemann prognostizierte, dass 2018 immerhin 20 Prozent der Umsätze in Deutschland online getätigt würden. "Wenn wir nichts tun, überlassen wir den Handel dem Ausland", warnte Heinemann. Mehr als 69 Prozent der Deutschen nutzten im letzten Quartal 2014 regelmäßig das Internet und die Mehrzahl verwendete das Smartphone. Die Hälfte erwarte, Informationen über den Händler abrufen zu können. Immerhin suchten 71 Prozent Preisangebote in ihrer Umgebung und 54 Prozent nach einer Verfügbarkeit der von ihnen gewünschten Artikel vor Ort. "Die Voraussetzung dafür ist ein elektronisches Warenwirtschaftssystem", so der Referent, der den Händlern empfahl, ihre Präsenz auf digitalen Plattformen zu zeigen, den Verkauf einzelner Waren auf Marktplätzen wie Ebay auszuprobieren, einen ersten Online-Shop über eine Verbundplattform einzurichten und schließlich einen eigenen Online-Shop aufzubauen.
Den Kunden seien etliche Leistungen wichtig, über die sie ihren stationären Einkauf im Internet vorbereiten können: von der Verfügbarkeitsabfrage über die Reservierung von Artikeln aus dem Laden bis zur Buchung von Fachberatung im Geschäft. Daher werde in Zukunft wahrscheinlich eine Kombination aus einem Kernladen mit Bedienung, einem Showroom, einem Pop-Up-Store, einem Automized-Store und Multi-Channel-Service-Points das Überleben eines Geschäfts sicherstellen.
Als Gründe für einen Onlinekauf haben Heinmann zufolge Nutzer angegeben, dass der Preis niedriger als im Geschäft sei, dass es bequemer sei und dass sie eine Lieferung nach Hause bevorzugten. Der Betriebswirtschaftler: "Kleine und mittlere Zentren wie Haßfurt werden 25 Prozent des heutigen Flächenumsatzes verlieren."

Attraktive Innenstädte wichtig

Um den stationären Handel zu stärken, dürfe es weniger Reglementierungen geben, müssten die "deutschen Spielregeln" auch für ausländische Anbieter gelten, die Innenstädte und die stationären Händler digital ausgerüstet werden. Weiter dürfe es keine weiteren Großflächen in Peripherielagen geben, stattdessen sollten Geschäfte wieder in die Innenstädte verlagert werden. "Um die Innenstadt zu stärken, muss eine Stadt herausgeputzt sein, der Aufenthalt dort muss attraktiv sein", fordert er.