Andreas Dorsch Völlig mittellos und oft nur mit dem, was sie in einem Koffer tragen konnten, kamen sie 1946 auch im Aischgrund an: Vertriebene aus dem Sudetenland. Hals über Kopf waren sie gezwungen worden, ihre Häuser und Heimat zu verlassen. In Viehwaggons ging es Richtung Westen in eine ungewisse Zukunft.

Eine ganze Reihe von ihnen kam aus dem Altvatergebirge, das zu Sudetenschlesien und Mähren gehörte und im heutigen Tschechien liegt. Unter den Flüchtlingen war auch die Familie Franke. Der gerade aus dem Krieg heimgekehrte Josef Franke, seine Ehefrau Martha und ihre neun Kinder mussten ihr neu gebautes Wohnhaus in Niederlindewiese (Kreis Freiwaldau) verlassen. Das älteste Kind war damals gerade 15 Jahre, das jüngste drei Monate.

Erhard (heute 79) und Herbert Franke (76) sind zwei der neun Kinder, die dabei waren. Aus eigenen Erinnerungen und Schilderungen ihrer Eltern sehen sie den Handwagen und den Schlitten vor sich, auf denen ihr Hab und Gut zum Bahnhof transportiert wurde.

13 Jahre im Gemeindehäuschen

In der neuen Heimat ging es durch verschiedene Lager und dann im Zug von Bamberg nach Adelsdorf. Von dort brachte ein Viehtransporter die Großfamilie nach Sterpersdorf, wo sie für die nächsten 13 Jahre in einem kleinen Gemeindehäuschen untergebracht war. Nach der Schule mussten die Kinder auf Bauernhöfen mitarbeiten, um die Familie ernähren zu können. 1959 baute sich die Familie unter der Regie des Vaters, eines gelernten Maurers, in Sterpersdorf ein eigenes Haus.

Besonders dankbar sind die beiden Brüder heute noch ihren Eltern dafür, dass alle Kinder einen ordentlichen Beruf erlernen mussten. So wurde Herbert Franke Elektriker, sein älterer Bruder Erhard Zimmermann. Er baute sich dann auch eine eigene Zimmerei auf.

Das Leben hat die beiden nach Gremsdorf verschlagen, wo sie inzwischen längst verwurzelt sind. Herbert Franke lebt mit seiner Familie auf einem Grundstück an der Hauptstraße.

Auf diesem Areal stand bis vor wenigen Tagen auch eine stattliche Fichte von etwa 20 Metern Höhe. Weil der Baum zu groß geworden war und bei einem Sturm auf die benachbarte Kirche hätte fallen können, beauftragten die Frankes den Pastoralreferenten, Baumfäll-Experten und Holzkünstler Thomas Reich aus Trieb. Der zerlegte die Fichte bis auf die letzten drei Meter vom Stamm. Die fand der Holzkünstler zu schade, um sie in Brennholz zu verwandeln. Auf Reichs Vorschlag, aus dem Stamm ein Kunstwerk zu machen, erinnerten sich die Frankes an ihre alte Heimat, das Altvatergebirge.

Auf dem höchsten Berg dieses Gebirges, dem 1491 Meter hohen Altvater, stand seit 1912 der Altvaterturm. Der Aussichtsturm, der nach der Vertreibung der Sudetendeutschen immer mehr verfiel, stürzte 1959 ein und wurde nicht wieder aufgebaut. Für viele Sudetendeutsche steht der Altvaterturm heute noch als Symbol für die Vertreibung.

Im hessischen Langgöns gründeten Heimatvertriebene aus dem Altvatergebirge 1976 den Altvaterturmverein Langgöns. Sie setzten sich zum Ziel, den Altvaterturm als Mahnmal der Vertreibung originalgetreu wieder aufzubauen. 2004 wurde der 36 Meter hohe Nachbau eingeweiht. Er steht jetzt in der Gipfelregion des Wetzsteins im Naturpark Thüringer Schiefergebirge auf knapp 800 Meter Höhe.

Genau diesen Turm wünschten sich die Frankes für ihren Garten in Gremsdorf. Motorsägen-Künstler Thomas Reich erfüllte ihnen diesen Wunsch. Er nahm sich nicht nur Fotografien zum Vorbild, sondern sah sich die Original-Nachbildung auch aus der Nähe an. Mit fünf unterschiedlich großen Motorsägen schuf er ein Kunstwerk, das nicht nur jeder Sudetendeutsche aus dem Altvatergebirge sofort erkennt.

Nur noch 18 Mitglieder

Das werden inzwischen aber immer weniger, bedauert Berthold Streit. Der ebenfalls aus dem Altvatergebirge stammende Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Kreisgruppe Höchstadt, wird heuer 80 und hat in Höchstadt eine neue Heimat gefunden. 1940 geboren, kann er sich noch gut daran erinnern, wie er als Kind vor der Vertreibung noch eine Binde tragen musste, die ihn als Deutschen kennzeichnete. Mit Mutter und Großeltern landete Streit im Gasthaus Friedel in Zentbechhofen, lebte zehn Jahre im Waldhaus Bösenbechhofen, ehe er in Höchstadt baute.

18 Mitglieder zählt die Landsmannschaft noch, sagt Streit. Ihre Nachkommen würden sich zwar weiterhin zur alten Heimat bekennen, aber nicht mehr im Vereinsleben engagieren.