von unserem Redaktionsmitglied 
Matthias Einwag

Bad Staffelstein/Seßlach — Bei aller Ernsthaftigkeit des Themas eingangs einige aus heutiger Sicht skurrile Zitate, die jeder Deutsche kennt, denn irgendwie waren sie schon knuffig, die Betonköpfe des Arbeiter- und Bauernstaats: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen" (Walter Ulbricht, Juni 1961), "Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf" (Erich Honecker, August 1989), "Ich liebe - ich liebe doch alle - alle Menschen..." (Erich Mielke, November 1989), "Für uns gilt die in der Gründerzeit der Deutsch'n Dem'krat'sch'n Rep'lik geprägte Losung: Vorwärts immer, rückwärts nimmer" (Erich Honecker, Oktober 1989).
An diese real existierenden Worte erinnere ich mich lebhaft. Groteske Aussagen, wie sie heute von keiner "heute show" übertroffen werden könnten. Und doch waren diese Worte kein Hohn, sondern Ausdruck des Denkens und der Absichten. Im Herbst 1989 wusste, bei aller Euphorie, noch niemand in Ost und West, ob die beiden Staaten zu einer blühenden Landschaft oder einem veritablen Chaos zusammenwachsen.


Erleichterung über Einigung

Der Tag der Wiedervereinigung vor 25 Jahren ließ mich, wie sicher die meisten Deutschen, jedenfalls aufatmen. Dass in der darauf folgenden Zeit bei der Schaffung der neuen Bundesländer und der Integration der vormaligen DDR-Bürger nicht alles gerecht abgelaufen ist, steht auf einem anderen Blatt.
Am 3. Oktober 1990 besuchte ich als Reporter den ökumenischen Wiedervereinigungsgottesdienst zwischen Autenhausen (Bayern) und Lindenau (Thüringen. Hier befand sich 40 Jahre lang der Todesstreifen, nun wurde eine Ländergrenze daraus. Der Metallgitterzaun war noch nicht abmontiert.
Der schlichte Gottesdienst unweit des Grenzzaunes war würdig und ergreifend. Vier Pfarrer aus Ost und West standen gemeinsam am Altar. Drei Bürgermeister sprachen. Unter den Gästen befand sich Prinzessin Regina von Habsburg, geborene Prinzessin von Sachsen-Meiningen, verheiratet mit dem Kaiser-Enkel Otto von Habsburg. Das Paar hatte auf der nahe gelegenen Heldburg einen Nebenwohnsitz.
Und ich versaute mir die Schuhe, weil ich auf einen frisch aufgeworfenen, lehmigen Erdhügel stieg, um aus erhöhter Position ein Foto von dem Ereignis aufzunehmen.


Antiquiertes Zeitungslayout

Das Schwarzweißfoto aus der Zeitung vom 4. Oktober 1990 erscheint mir heute wie aus einer ganz anderen Zeit. Typographie und Hochdruckverfahren waren vor 25 Jahren so, wie sie wohl auch 1950 schon gewesen sind: Eng gepresster Schriftsatz, grob gerasterte Bilder, Frakturbuchstaben in der Titelzeile "Zwischen Staffelberg und Banz".
Besonders beeindruckte mich das Kirchenlied, das zu diesem Anlass sehr passend war: "Er lasse seinen Frieden ruh'n - auf unserm Volk und Land." Bei ihren Ansprachen zeigten die drei Bürgermeister Weitsicht: Im Kern ihrer Aussagen plädierten sie dafür, neben dem großen Jubel im vereinigten Deutschland auch mit Nachdenklichkeit auf bestimmte Ereignisse zu reagieren: Fremdenhass und Radikalismus, Arbeitslosigkeit und Umweltverschmutzung bereiteten nicht nur der Bundesregierung Sorgen, sondern seien vor allem auch auf unterer Ebene, in Städten und Gemeinden, ernstzunehmende Probleme.
Amüsiert beobachtete ich, dass während des Gottesdiensts aus den Reihen der Thüringer blauer Rauch aufstieg. Rauchen war noch nicht so verpönt wie heute. Der damalige Seßlacher Bürgermeister Hendrik Dressel sagte, dass nun eine neue Zeit beginne. Als Zeichen des Zusammenwachsens wurde abschließend am Straßenrand ein Baum gepflanzt.