Der gebürtige Wüstenahorner Rudi Escher, der am Samstag 95 Jahre alt geworden ist, hat viel erlebt - unter anderem den "D-Day", der das Ende des Zweiten Weltkriegs einläutete. Escher diente in der deutschen Wehrmacht. "Am 6. Juni 1944 erlebte ich die Invasion der Amerikaner in der Normandie", erinnert er sich. "Auf dem Kirchturm in Sainte-Mere-Eglise, wo ich mit meinen sechs Mann als Beobachter eingesetzt war; blieb ein US-Soldat in der Nacht mit seinem Fallschirm am Kirchturm hängen, er überlebte." Er hat bis heute elfmal an der Gedenkfeier in der Normandie teilgenommen. Früher feierten die Veteranen nach Nationen getrennt, mittlerweile sind die einstigen Kriegsgegner im Gedenken vereint. Kontakte gibt es zu Freunden und Bekannten in England und in Frankreich.
Die Heimkehr nach dem Ende des Krieges zog sich hin. Das Schiff mit den Kriegsgefangenen aus den USA landete 1946 zunächst in England. Escher arbeitete dort in der Landwirtschaft und im Steinbruch. Im Oktober war er dann wieder zuhause in Coburg und arbeitete mit in der Landwirtschaft seiner Eltern Ernst und Lina Escher in Wüstenahorn. Dort, auf dem Hof seiner Eltern, hatte er auch am 2. April 1921 das Licht der Welt erblickt, als echter Wüstenahorner übrigens. Bis 1934 war der heutige Stadtteil im Coburger Westen ja noch eine eigenständige Gemeinde.


Auf Schlittschuhen zur Schule

Zur Schule ging er nach Coburg, 1927 bis 1935 auf die Lutherschule am Albertsplatz und in die einstige Zinkenwehrschule. Die lag nicht weit weg von der Lutherschule entfernt, aber kaum einer kann sich heute noch an diese Volksschule erinnern. In seiner Kindheit gab es noch strengere Winter als heute, erinnert sich Escher: "Da sind wir mit Schlittschuhen den Marschberg hinuntergefahren." Vom Schlachthof aus sei es dann auf der zugefrorenen Itz auf den Kufen weitergegangen.
Auch Rudi Escher sollte Landwirt werden. Er besuchte das heutige Landwirtschaftliche Bildungszentrum in Triesdorf, Markt Weidenbach in Mittelfranken. Aber nach der Eingemeindung Wüstenahorns expandierte im neuen Coburger Westen die Bautätigkeit, da war einfach kein Platz mehr für die Landwirtschaft. Er kam kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs zur Luftwaffe im unterfränkischen Kitzingen. Und dann: "Als Unteroffizier wurde ich 1942 in Nancy in Frankreich als Ausbilder auf der Unteroffiziersschule eingesetzt."
In seiner Garnisonsstadt Kitzingen hatte er auch seine erste Ehefrau Emmy kennengelernt. 1943 heiratete das junge Paar in Coburg.


Sein Hobby: der Computer

1957 begann Rudi Escher seine Tätigkeit beim staatlichen Vermessungsamt in Coburg. 1983 ging er als Hauptsekretär in den Ruhestand. Noch heute hält er regen Kontakt zu den alten und jungen Kollegen, die ihm auch am 95. Geburtstag ihre Reverenz erwiesen. Im Jahr 1999 verstarb Ehefrau Emmy. Aber vor zehn Jahren fand Rudi Escher ein neues Glück. Er heiratete 2006 die ebenfalls verwitwete Ruth Fink. "Nach unserer zehnjährigen Ehe wünsche ich mir noch ein bisschen Zeit, um zusammen mit meiner Ehefrau in Ruhe, Besinnlichkeit und Gesundheit leben zu dürfen", war sein bescheidener Wunsch an seinem Ehrentag. Den früheren Hobbys, dem Drechseln, dem Garten und der Reiselust kann er sich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so intensiv widmen. Dafür frönt er einer neuen Leidenschaft, seinem Computer. Das ist in dieser Altersgruppe sicher noch nicht so üblich. mako