von unserem Mitarbeiter Markus Häggberg

Wolfsdorf — Etwas treibt die ältere Dame um. Sie ist gerade dabei, sich der Kirche wieder anzunähern. Eine andere Frau sucht eine Auszeit von der Familie. Nicht aus Ärger, sondern um mal wieder das eigene Selbst zu bemerken. Sie gehen.
An diesem Tag, einem Samstag, starten sie auf dem Kapellenweg am Obermain in Wolfsdorf und ziehen nach Kloster Banz. Reinhold Müller ist bei ihnen, unterhält sie, hört ihnen zu, bemerkt, was entlang des Weges für besinnliche Momente oder für ein befreites Lachen sorgen könnte. Der 66-jährige Rentner ist Pilgerbegleiter, ehrenamtlich gehend und ein Zusatzangebot der Kurseelsorge.
Doch. Müller nickt. Er glaubt, das Gehen hilft dem Menschen in die Schuhe und auf den Weg. Er hält es für ein gutes Rezept, um zu sich oder zu einer Entscheidung zu kommen. Und manchmal sei es auch gut, einen Gedanken beim Gehen auszusprechen, um ihn mit eigenen Ohren zu vernehmen und daraufhin herauszufinden, wie er sich so anfühlt. Der Mann schätzt das Gehen sehr. Das war in dieser Ausprägung nicht immer so.
Rückblende: 2012, auf einem Ausschnitt des Jakobsweges irgendwo in Richtung Eichstätt, zu vorgerückten Kilometern. Reinhold Müller kommt mit dem evangelischen Pastoralreferenten Josef Ellner ins Gespräch. Der Mann von der Ökumenischen Urlauberseelsorge in Bad Staffelstein sucht den ehemaligen Pflegedienstleiter zu begeistern: "Mensch, wir suchen ehrenamtliche Pilgerbegleiter, hast Du kein Interesse?" Müller überlegt zu diesem in Kooperation zwischen Kurseelsorge und Pfarrei Seßlach geschaffenem Angebot und zieht Bilanz: "Du hast gerne mit Menschen zu tun, du wanderst gerne, du bist naturverbunden - da war ich schon begeistert."
Seelsorgerisch tätig ist Müller nicht. Er ist nicht Priester noch Diakon. Aber praktizierender Katholik. Kein Eiferer, eher jemand, der das Religiöse beim gemeinsamen Gehen nicht massiv in den Vordergrund stellt. Zweifler, Suchende, Atheisten sollen sich auch wohlfühlen und sie nehmen dieses Angebot, spirituelle Gedanken aufzugreifen, gerne wahr. "Menschen sind neugierig, die Erfahrung habe ich gemacht."
Die Teilnehmer wissen, es geht von der Ökumene aus, also ist etwas Religion dabei. "Es ist aber keine Wallfahrt, wir singen oder beten spontan, nicht nach vorgegebenem Ritus." Aber auch wenn alles frei und ungezwungen ist, so bedurfte Müller doch einer Anleitung. Er musste lernen, spirituelle Gedanken aufzugreifen, dort, wo sie einem begegnen.
Beispielsweise entlang des Fränkischen Bibelwegs. Dort wurden diese Fertigkeiten 2012 eingeübt. Klar, dass er auch manch Historisches lernen musste, was zu den Wegen gehört. Er kennt sich aus mit den Gepflogenheiten von Martern, den Gebetsstöcken also, weiß um Sagen der Heimat, kennt Legenden und die Natur.
Heute muss er sich nicht mehr so sehr auf Wandergruppen vorbereiten, weil er die Wege wiederholt gegangen ist. Eine Maximalteilnehmerzahl gebe es nicht, eine Anmeldung sei auch nicht erforderlich, weil man nur Tagesstrecken ohne Übernachtung geht. In Erfahrung bringen, wo losgelaufen wird und erscheinen, das reicht.
Zwei Kollegen aus Bad Staffelstein hat Müller noch, mit ihnen spricht er gelegentlich über seine Erfahrungen, man tauscht sich darüber aus, was auf den zwischen zehn und 25 Kilometer langen Strecken des Erinnerns wert und berührend war.
"Es gibt auch Menschen, die in Lebenskrisen teilnehmen. Menschen sind häufig auf solchen Wegen bereit, sich zu öffnen. Vorausgesetzt natürlich, es gibt ein Vertrauensverhältnis." Dieses Vertrauensverhältnis kommt über Gespräche zu Beruflichem, zur Gesundheit zustande. Ab da kann es dann auch persönlich werden.
Und es kommt vor, dass Müller einen Seelsorger empfiehlt. Dann, wenn die abtastenden Frage eines Wanderers danach auftaucht, ob er beispielsweise Pastoralreferent sei. "Ich bin nur ehrenamtlich, begleite, organisiere", erklärt der in Schwabthal wohnende Mann mit katholischem Vorleben als Ministrant dann bescheiden.