von unserem Redaktionsmitglied 
Alexander Hartmann

Zultenberg — Es herrscht Nord-Ost-Wind. Den braucht man, will man am Görauer Anger starten. Lothar Lassock macht ein, zwei Schritte und hebt ab. In nur wenigen Sekunden gewinnt er 40 Meter Höhe. "Es ist ein besonderer Nevenkitzel", sagt der 73-Jährige, der mit seinem Drachen schon in über 2500 Metern Höhe geflogen ist. Sein weitester Streckenflug hat ihn bis nach Hirschaid gebracht. "Es gibt einen Vereinskollegen, der ist in Tauberbischofsheim gelandet. Das sind stolze 170 Kilometer", erklärt Lassock, der von einem Hobby schwärmt, das neben dem besonderen Nervenkitzel auch atemberaubende Blicke auf die Landschaft gewährt.
Lassock fliegt seit 35 Jahren. Er ist der älteste Pilot in Oberfranken. Ans Aufhören denkt er nicht. "Ich fliege so lange weiter, wie es mir gesundheitlich möglich ist", betont der 73-Jährige, der über 35 Jahre Vorsitzender des Drachenfliegerclubs Görauer Anger war und die Führung jetzt in jüngere Hände gegeben hat. Sein Nachfolger ist Dieter Häußinger, der mit 49 Jahren zu den "Küken" zählt. "Wir brauchen junge Piloten", sagt der neue erste Mann, der sich wünscht, dass der Club Nachwuchs findet. Das sei aber nicht leicht in einer Zeit, in der die Konkurrenz durch den Gleitschirmflug groß sei.

"Ein intensiveres Fluggefühl"

Mit dem Gleitschirm zu fliegen sei einfacher, auch weil kein großer Auf- und Abbau wie beim Drachen nötig sei, man zuhause zudem keine Unterstellmöglichkeit benötige. Dafür beschere der Drachenflug den Piloten jedoch ein intensiveres Fluggefühl. Was Lothar Lassock bestätigt: "Man erreicht ein Tempo von bis zu 100 Stundenkilometer, gelangt in große Höhen und liegt wie ein Vogel in der Luft, während man beim Gleitschirmfliegen im Flug quasi sitzt."
Die Drachenflieger starten entweder mit der Seilwinde bei Lopp oder bei guter Thermik am Görauer Anger. "Wer regelmäßig nach oben will, der braucht die technische Hilfe", sagt Lassock, der es selbst auf über 40 Starts pro Saison bringt.Wie lange ein Flug dauert, könne man im Voraus nie sagen. " Es kommt auf den Aufwind und die Stärke der Thermik an. Die Ungewissheit, wie lange man in der Luft bleibt, macht den besonderen Reiz aus", so der scheidende Vorsitzende, der Dieter Häußinger als Stellvertreter zur Seite steht.
Lassock wirbt für einen Sport, der wesentlich ungefährlicher sei als das Reiten. Unfälle ereigneten sich sehr selten, sagt der 73-Jährige, dem ein Pilot schon mal die Vorfahrt in der Luft genommen hat. Verletzt wurde er nicht. "An meinem Drachen ist da ein Rohr weggebrochen. Ich bin aber unversehrt gelandet." Drachenfliegen sei viel sicherer geworden, sagt er und führt an: "Wir haben zwar keinen Airbag wie beim Auto, aber einen Rettungsschirm, der mir damals geholfen hat." Er schwärmt von seinem Hobby. "Drachenfliegen ist etwas Besonderes - jeder Flug ist etwas ganz Neues."