Nebelverhangen ist der Thüringer Ort Schnett an diesem 2. Januar 1991. Kaum zwei Häuser weit reicht der Blick. Aus dem Grau sind Schreie zu hören. Irgendwo muss das Gasthaus sein, ein hoffentlich halbwegs sicherer Ort. Zu spät, plötzlich tauchen sie auf. Schreckgestalten mit Ruten. Es setzt Hiebe. Dann ist Lösegeld fällig, ehe es weitergehen kann mit der Suche nach dem Gasthaus. Es war eine Begegnung mit den Hulleweibern (oder Hullefraan) von Schnett.

Nicht die letzte. Ins Gasthaus kamen sie auch. Figuren aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, als das, was wir heute als Advent, Weihnachtszeit und Jahreswechsel feiern, ganz anders ausgesehen hat. Und allemal ist dieser Brauch bis heute - wenn er nicht gerade wegen Corona ausfällt - ein Erlebnis, das den Besuch lohnt.

Die Historikerin Renate Reuther ist in Kulmbach aufgewachsen, lebte lange in Wien und ist dann nach Coburg gezogen. Sie ging in einer aufwendigen Recherche dem nach, was war, ehe Weihnachten als Geburtstag von Jesus aus Nazareth gefeiert wurde. Ihr Buch "Enthüllungen über Holle, Percht und Christkind" zeigt auf, wie über Jahrhunderte gepflegte Bräuche im Zuge der Christianisierung getilgt wurden. Vielmehr - getilgt werden sollten. Denn es ist viel mehr übrig geblieben vom Glauben unserer Ahnen, als mancher heute wahrhaben will.

Die Hulleweiber als Anlehnung an Odins wilde Jagd gehören dazu. Aber viel mehr, das wir wie selbstverständlich als christliches Fest begehen, hat seine Wurzeln im Glauben der vorchristlichen Zeit.

Die Sache mit dem Mädchen

Renate Reuther beantwortet in ihrem 2017 erschienenen Buch Fragen, die wir uns wohl längst selbst hätten stellen sollen. Warum fällt Weihnachten auf die Wintersonnenwende und der 6. Januar ist der höchste (öberste) Feiertag? Warum schleppen wir einen abgesägten Baum ins Haus, um ihn zu schmücken? Und vor allem: Wenn wir die Geburt eines kleinen Jungen feiern - warum ist das Christkind dann bei uns ein Mädchen? Das Datum hat natürlich etwas damit zu tun, dass unsere Vorfahren die Wintersonnenwende wild feierten - wild wie übrigens dauernd in dieser Zeit der langen Nächte. Auch der sechste Januar geht auf Feiern wilder Gestalten wie der Hullefraan zurück. Gestalten, die von der Kirche mal eben auf drei heidnische Könige umgeschrieben und christlich besetzt wurden. Das klappte recht gut - außer in Schnett und ein paar anderen Orten. Ziemlich vielen Orten eigentlich. Die Perchten des Alpenlandes sind eben auch Frau Holle und ihre Leute. Und die Sache mit dem Mädchen? Ein früher, sehr früher Genderstreich? Eher nicht. Es war nun einmal Frau Hulda, Percht, Hullewetz oder Hullewatsch - Frau Holle eben, die als Mädchen im weißen Kleid umherging in diesen Nächten.

Frau Holle, die viel mehr war als die Märchenfigur zu der sie niedergeschrieben wurde. Frau Holle, die belohnte und strafte. Frau Holle, an die heute niemand mehr glaubt - aber vorsichtshalber doch seine Linsen isst, wie sie es - unter Strafandrohung - verlangt. Die Mädchen und jungen Frauen, die jedes Jahr als "Christkind" Adventsmärkte eröffnen und christliche Werte preisen, verkörpern in Wirklichkeit nicht Jesus von Nazareth sondern Frau Hullewetz von früher. Von so viel früher, dass an sie schon Jahrhunderte geglaubt wurde, ehe Jesus überhaupt geboren wurde - und Jahrhunderte danach auch noch.

Und heute? Heute glaubt der eine oder die andere noch, dass im entsprechenden Monat eintritt, was er in einer der zwölf Raunächte träumt. Am 6. Januar wird Stärke angetrunken, bis alle schwach werden, und auf der Schnett ziehen prügelnd die Hullefraan durchs Dorf. Er ist bis heute ganz schön robust, dieser alte Glaube. Übrigens auch, wenn es draußen heller wird, Fastnacht, Ostern, Sommersonnenwende... Bei Schokoriegeln klappte die Umetikettierung offenbar besser als bei vorchristlichen Festen.

Angst ums Brauchtum

Renate Reuther erwartet in ihrem Buch, befürchtet eher, dass Weihnachten einem Wandel unterworfen ist, der das urtümliche, uralte, das darin steckt, am Ende wird verblassen lassen. Ein Weihnachtsmann in der Tracht eines Getränkeherstellers aus den USA könnte einen daran glauben lassen, dass Weihnachten einem schlimmen Ende entgegen sieht. Die Hulleweiber von Schnett lassen dagegen hoffen, dass einiges aus alter Zeit nach so vielen Angriffen auch den Attacken der kommenden Jahrhunderte widerstehen wird. Bücher wie das von Renate Reuther tun ein übriges.