Kennen Sie jemanden, der an Covid 19 gestorben ist - nicht wegen einer Vorerkrankung, sondern wirklich an Corona? Mit dieser Frage wurde ich im gerade beendeten Urlaub konfrontiert - von einem Kronacher, den ich nun wirklich nicht als Verschwörungstheoretiker beschreiben würde.

Ihm fielen offenbar die Einschränkungen und wirtschaftlichen Einschnitte durch die monatelange Virusbekämpfung langsam auf die Nerven. Irgendwie verständlich. Und ich musste ehrlich gestehen: Ich weiß von Fällen aus zweiter Hand, aber aus meinem unmittelbaren Umfeld kenne ich keinen Corona-Toten.

Auslöser für die Frage an mich war eine kurze Diskussion über Sinn und Unsinn der Berliner Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen am vergangenen Wochenende. Mein Gegenüber erzählte von Informationen aus dem Internet, von Gesprächen mit einer Apothekerin, von einem angeblichen wissenschaftlichen Buchautor; sie alle hätten auf die Bremse getreten, was den "Hype" um die Krankheit angeht. Die Schlussfolgerung meines Gesprächspartners: Er kennt keine Verstorbenen, ich kenne keine - ist Corona also doch nur eine stärkere Grippe und das ganze Vorgehen dagegen gnadenlos überzogen?

Zeit zum Nachdenken. Wer Einfluss auf Meinungen hat, sollte in der Lage sein, sich selbst und seine Standpunkte stets aufs Neue zu reflektieren. Also gerade auch ein Journalist: Wie ist denn meine persönliche Sicht in dieser Frage? Ich kenne keine Corona-Toten persönlich; aber ich kenne jemanden, der beinahe gestorben wäre, eine harte Zeit in der Klinik und der Reha zugebracht hat. Ich habe auch noch immer die Bilder aus Italien, Großbritannien und Amerika vor Augen, wo die Krankenhäuser an ihre Grenzen stießen und stoßen. Vielleicht sind wir bisher so glimpflich davongekommen, dass diese Erinnerungen in Teilen der Bevölkerung inzwischen verdrängt werden von fehlender Alltagsnormalität.

Und wie viele Tote in Deutschland hatten eine Vorerkrankung? Ich weiß es nicht. Vermutlich waren unter den Verstorbenen sogar viele Risikopatienten. Aber es ist doch egal, ob Corona direkt zum Tod geführt hat oder nur der letzte Tropfen war; wenn jemand auch nur ein paar Jahre länger hätte leben können, wäre mir das die Vorsichtsmaßnahmen wert! Oder zählt das Leben von Alten und Kranken weniger, als das von kerngesunden Menschen?!

Kenne ich Corona-Tote? Nein! Aber ich kenne auch niemanden, der an Aids oder Drogen gestorben ist persönlich. Sind beide Plagen deshalb etwa keine allgemein anerkannten Risiken für unsere Bevölkerung...? Was ich hingegen kenne, sind zentnerweise krude Theorien, Vermutungen und vermeintliche Fachleute, die ungefiltert ihr "Wissen" zu allen möglichen Themen im Internet verbreiten. Natürlich dürfen, ja sollten Vorgehensweisen des Staates stets hinterfragt werden - aber genauso akribisch sollten die Meinungen (und der Antrieb, sie zu verbreiten) von persönlich unbekannten Menschen im Netz überprüft werden. Bis deren Richtigkeit in Sachen Corona-Kritik unumstößlich untermauert ist, bleibe ich jedenfalls lieber vorsichtig. Schließlich möchte ich auch künftig nicht über Corona-Tote in meinem Umfeld berichten müssen.