Sigismund von Dobschütz Ein ungewöhnlicher, aber für diesen Schriftsteller typischer Roman ist "Die Mittelmeerreise" von Hanns-Josef Ortheil (67). Nach "Moselreise" (2010) und "Berlinreise" (2014) ist dies die dritte Schilderung einer Urlaubsreise des Knaben Ortheil mit seinem Vater. Ungewöhnlich ist der Reisebericht schon wegen seiner Mischung aus längeren Prosatexten des 15-Jährigen mit originalen Tagebucheinträgen und kurzen Essays, ergänzt durch Reisenotizen des bald 60-jährigen Vaters.

Sohn und Vater reisen als einzige Passagiere im Sommer 1967 auf einem Frachtschiff von Antwerpen in griechische Häfen und nach Istanbul. Es ist die erste Auslandsreise des Latein- und Griechisch-Schülers und begeisterten Pianisten. Sowohl auf hoher See als auch in den fremden Häfen überwältigen neue, intensive Eindrücke den bislang als Einzelkind eher in Klausur lebenden Knaben. Auch die Gespräche mit den charakterlich unterschiedlichen Schiffsoffizieren und mit Denis, dem acht Jahre älteren Steward, prägen den noch unerfahrenen Jungen. Denis ist es, der den jungen Ortheil in die ihm völlig fremde Welt von Love, Drugs and Rock'n'Roll einführt. In einer Diskothek lernt Hanns-Josef die 23-jährige Delia kennen, die ihn spontan verführt und damit emotional überfordert.

Diese Mittelmeerreise mit ihren Stürmen und überwältigenden Eindrücken gleicht für den pubertierenden Ortheil nicht nur der Odyssee des von ihm verehrten Dichters Homer, sondern wird für ihn zu einer ganz persönlichen, verwirrenden Odyssee aus dem Kindesalter in die Männlichkeit. Der junge Ortheil beobachtet in seinen Notizen nicht nur die Wandlung in sich selbst, seinen Weg in die Selbstständigkeit des Erwachsenen, sondern beginnt auch, seinen Vater - und aus der Ferne seine daheimgebliebene Mutter - aus neuem Blickwinkel, mit den Augen eines erwachsenen Sohnes zu sehen, der sich, statt sich wie bisher führen zu lassen, nun seinerseits um den bald 60-jährigen "alternden" und herzschwachen Vater sorgt.

"Die Mittelmeerreise" wird gewiss alle Freunde Ortheil'scher Bücher begeistern. Doch alle anderen sollten seine autobiographischen Bände "Die Erfindung des Lebens" (2009) und "Der Stift und das Papier" (2015) gelesen haben, um zu wissen, wie aus dem einst stummen Kind, das sich nur schriftlich mitzuteilen wusste, jede Beobachtung notierte und dann zu Erzählungen ausarbeitete, ein so sprachgewaltiger Schriftsteller wurde. Wer Ortheils Bücher nicht kennt, mag das 635 Seiten starke Werk auch in der zweiten Hälfte langatmig finden. Spannt sich der Handlungsbogen anfangs nach dem Auslaufen und den Stürmen auf hoher See, über die ersten Landgänge bis hin zu den ersten romantischen und sexuellen Erfahrungen des 15-Jährigen mit der jungen Griechin noch auf, flacht die Spannung anschließend mangels neuer Überraschungen wieder ab.

Ortheils Art zu schreiben mag man eben oder man mag sie nicht. Ich schätze Ortheils "leise Art" zu schreiben, seine genaue Beobachtungsgabe und die heute selten gewordene Fähigkeit, noch in Kleinigkeiten, scheinbar Nebensächlichem, etwas Großes entdecken zu können. Es ist die Authentizität in seinen Büchern, die die Freunde Ortheil'scher Bücher auch diesmal wieder begeistern wird.