Coburg — Auf ein erfülltes Leben konnte Gertrud Matthes an ihrem 100. Geburtstag zurückblicken. Sie hat viel erlebt: Zwei Weltkriege, den Abschied aus der schlesischen Heimat, die deutsche Teilung und die Wiedervereinigung. Aber an eine Begegung kann sie sich noch so gut erinnern, als hätte sie erst kürzlich stattgefunden. Sie traf den jungen Pfarrer Karol Jozef Wojtyla. Der spätere Papst Johannes Pauls II. Der begrüßte sie ganz galant und formvollendet mit einem Handkuss.

"Kavalier der altenSchule"

"Ganz ein Kavalier der alten Schule", erinnerte sich Gertrud Matthes an ihrem runden Geburtstag, den sie im Seniorenheim St. Josef in Hut feierte. Das Aufeinandertreffen war durchaus bemerkenswert, da der junge Geistliche einer Angehörigen der deutschen Minderheit in Polen ganz vorurteilsfrei mit großem Respekt und großer Achtung begegnete.
Gertrud Matthes kam als jüngstes Kind der Eheleute Max und Gertrud Sowa im oberschlesischen Königshütte auf die Welt. Damals war noch Wilhelm II. deutscher Kaiser und in Personalunion König von Preußen. Die junge Gertrud machte Abitur und besuchte anschließend die Fröbelschule in Beuthen. Als Kindergärtnerin arbeitete sie in ihrem Geburtsort Königsbrunn und in Zakopane.
1943 heiratete sie ihren ebenfalls aus Schlesien stammenden Ehemann Max Matthes. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte sie das Schicksal mit ihrem Mann nach Seßlach und in den heutigen Coburger Stadtteil Creidlitz. Ganz anders als geplant führte sie ihr Berufsweg in den Kindergarten Creidlitz. "Ich sollte bloß einspringen, und dann wollten sie mich behalten", erinnerte sich die Jubilarin. Die letzten Jahre vor der Rente arbeitete sie noch beim Automobilzulieferer Brose. Dort war auch ihr Ehemann beschäftigt, der allerdings 1983 verstarb.
Schwere Schicksalsschläge waren der jeweils frühe Tod ihrer beiden Söhne. Burkhard wurde nur 17 Jahre alt, Detlev starb mit 40 Jahren. "Sie war immer schon eine reiselustige Frau", beschrieb Enkelin Astrid ihre Großmutter. Weite Teile Europas habe sie kennengelernt. "Das hat sie immer wieder aufgebaut."

"Ich singe sogar solo"

Ihre gute Laune hat sie bis heute nicht verloren. "Hauptsache, der Kopf ist gesund, und man kann noch einigermaßen laufen", sagt sie. Im Seniorenheim nimmt sie gerne an den Gesangsrunden teil. "Ich singe sogar solo!" Einige Jahre war sie auch Mitglied des Heimbeirats. mako