Der 30. April 1990 bedeutet Abschied und Anfang: Es endete die Amtszeit des Coburger Oberbürgermeisters Karl-Heinz Höhn, und das Müllheizkraftwerk (MHKW) in Coburg-Neuses ging offiziell in Betrieb. Höhn hatte das unbedingt noch als OB erleben wollen. Auch deshalb legte Heinz Köhler, der damalige Vorsitzende des Zweckverbands für Abfallwirtschaft Nordwest-Oberfranken (ZAW), die Einweihung kurzfristig auf dieses Datum. Der andere Grund war, dass man große Proteste vermeiden wollte, wie das Tageblatt damals schrieb.

Wenige Monate später gab Köhler den Verbandsvorsitz ab: Der frühere Kronacher Landrat (SPD) war ins Europaparlament gewählt worden, und es schien nur natürlich, dass der neue Coburger OB der Verbandsvorsitzende wurde, wenn das MHKW schon auf Stadtgebiet lag. Das ist seitdem so geblieben: Norbert Kastner stand fast 24 Jahre an der Spitze des ZAW, Norbert Tessmer sechs Jahre und Dominik Sauerteig hat den Posten vor einem Jahr übernommen.

Die turbulentesten Zeiten erlebte der ZAW bislang aber unter dem Vorsitz von Heinz Köhler - dank der Stadt Coburg. Dabei hatte alles ganz gut angefangen: Im Landkreis Kronach hatte sich schon zu Beginn der 1970er-Jahre abgezeichnet, dass die Müllentsorgung ein Problem werden könnte. Platz für neue Deponien gab es dort kaum mehr. 1974 wurde für Kronach eine eigene Verbrennungsanlage beschlossen. Heinz Köhler, just zum Landrat gewählt, war allerdings dagegen: Zum einen war eine Verbrennungsanlage erst ab rund 300 000 Einwohnern rentabel und nicht für die 80 000, die der Landkreis Kronach damals hatte. Zum anderen wollte Köhler die Verbrennungsenergie nutzen. Doch an dem vorgesehenen Standort in Kronach hätte es dafür keine Möglichkeit gegeben.

Köhler war jedoch klar, dass auch die Nachbarlandkreise irgendwann vor der Entsorgungsfrage stehen würden. Er trieb die Gründung des gemeinsamen Zweckverbands mit Stadt und Landkreis Coburg sowie dem Landkreis Lichtenfels voran.

Das Thema Müllverbrennung blieb nicht lange außen vor: Auf den Deponien wurde der Platz knapp. Der damalige Coburger Oberbürgermeister Wolfgang Stammberger (SPD) und Nachfolger Karl-Heinz Höhn (parteilos) sahen in der Müllverbrennung eine Lösung für ein anderes Problem: Die Städtischen Werke (heute SÜC) betrieben ein Fernwärmenetz mit einem alten Kohlekessel. Den zu erneuern würde mindestens 20 Millionen Mark kosten. Warum nicht stattdessen Müll verfeuern, damit heizen und für die Anlage auch noch Zuschüsse kassieren?

Einziger Haken an dieser Sache: Stammberger und später Höhn gingen davon aus, dass die Müllverbrennungsanlage auf dem SÜC-Gelände an der Bamberger Straße errichtet werden müsse, wegen der Einspeisung der Fernwärme. Doch dagegen erhob sich erbitterter Widerstand in Coburg. Jahrelang drehte sich die Debatte im Kreis, der Stadtrat war gespalten. Dazu kamen die Bestrebungen des Zweiten Bürgermeisters Eduard Reichardt (CSU), am Zweckverband vorbei den Coburger Müll zur Verbrennung nach Bamberg zu liefern.

Neuer Standort brachte die Wende

Dann kam das Gewerbegebiet Coburg-Nord (bei Neuses) als Standort ins Gespräch. Damit waren diejenigen Gegner befriedet, die vor allem gegen ein MHKW nahe der Innenstadt waren. Außerdem war zu diesem Zeitpunkt klar, dass ohne das MHKW ein neues Heizwerk auf dem SÜC-Gelände entstehen würde - ebenfalls mit einem 80 Meter hohen Schlot. Der Widerstand in Neuses und Bertelsdorf gegen das MHKW wurde durch Verhandlungen und weitreichende Zusagen aufgelöst. Zu guter Letzt musste sich die Stadt noch selbst enteignen, weil es zwar eine Baugenehmigung für das MHKW in Neuses gab, aber die Mehrheit des Stadtrats das dafür erforderliche Grundstück nicht verkaufen wollte.

Für alle diejenigen, die diese und ein paar andere Geschichten ausführlich nachlesen wollen, hat Heinz Köhler nun ein Buch zusammengestellt, mit Zitaten aus alten Protokollen und Zeitungsartikeln sowie persönlichen Erinnerungen. Das Buch gibt es (noch) nicht im Handel. Der ZAW hat etwa 250 Exemplare drucken lassen und wird sie an Kreistags- und Stadtratsmitglieder sowie ehemalige Verbandsräte verteilen. Falls genug Interesse da sei, könne freilich über einen Nachdruck geredet werden, versichert der heutige Werkleiter des ZAW, Peter Baj.

Sein Vorgänger Günther Berger war Mitarbeiter Nummer Eins beim ZAW. Bis zum Jahr 1998 waren ohnehin die SÜC für den Betrieb des MHKW zuständig; erst dann übernahm der ZAW.

Der große Widerstand gegen das MHKW hatte freilich auch sein Gutes: Von Anfang an wurde darauf geachtet, eine effiziente Rauchgasreinigungsanlage einzubauen. Außerdem gehörte zum "Coburger Modell" der Müllentsorgung auch die Sortierung und Verwertung der recycelbaren Stoffe - lange bevor das Kreislaufwirtschaftsgesetz mit Dualem System und Gelber Tonne zum Tragen kam.

Einige Versprechen aus den 80er-Jahren sind freilich bis heute noch nicht eingelöst. Daran erinnerte bei der Buchvorstellung Köhlers Nachfolger Norbert Kastner: Die Umgehung für Neuses, die neue Trasse der Staatsstraße 2205, ist immer noch nicht fertig. Die war damals versprochen worden, genauso wie eine neue Zufahrt von der B 4 nach Neuses. Die immerhin kam in den 90er Jahren. Kastners Nach-Nachfolger Dominik Sauerteig (SPD) gibt sich zuversichtlich, dass wenigstens er in seiner Amtszeit noch die Eröffnung der neuen Staatsstraße erleben wird.

"Mit Transparenz und Offenheit" sei es gelungen, die Skepsis der Neuseser und Bertelsdorfer gegenüber dem MHKW in der Nachbarschaft zu verringern, meinte Kastner. Für die Region habe sich die Entscheidung als richtig erwiesen. "Als alle anderen von Müllnotstand sprachen, war es bei uns entspannt."

Auch Peter Baj sieht über 30 Jahre nach diesen Ereignissen eine veränderte Einstellung zum Müllheizkraftwerk. Tage der offenen Tür würden gut angenommen, Diskussionen mit Besuchern seien sachlich. "Es ist wichtig, dass alles mal festgehalten ist", stellt Günther Berger fest. Denn die Zeitzeugen würden weniger. Jüngere Leute hätten zum Teil gar keine Ahnung, wo ihr Müll überhaupt landet, sagt er.