Ich gehöre meinem Alter nach zur Risikogruppe, fühle mich aber putzmunter. Trotzdem heißt es, die Regeln zu befolgen. Den Abstand zum Nächsten halte ich beim Einkaufen peinlich ein.
Muss ich niesen, tu ich das in die Armbeuge. Meine Hände wasche ich sehr oft.
Desinfektionsmittel hatte ich noch einen Rest zu Hause. Als ich neulich im Drogeriemarkt danach fragte, lachte mich die Verkäuferin richtiggehend aus. In der Apotheke bekam ich ein von den Angestellten gemixtes Desinfektionsmittel, das aber auch limitiert ist. Zufällig habe ich in Erlangen noch ein Fieberthermometer ergattert.
Ich fühle mich zwar fieberfrei, aber man weiß ja nie. Toilettenpapier habe ich nicht auf Vorrat gekauft - die Regale waren ja sowieso leergefegt.
Ich gehöre zwar zur Risikogruppe, aber bin ich selbst ein Risiko für andere? Das geht mir durch den Kopf.
Hab ich Halsschmerzen? Nein. Kopfschmerzen und Schnupfen hab ich auch nicht. Aber ich könnte diesen unsichtbaren Feind trotzdem mit mir rumschleppen und merke es gar nicht.
Er lässt mich vielleicht in Ruhe, aber mein Gegenüber nicht. Die Warnungen muss ich ernst nehmen. Unsere Vorräte hab ich etwas aufgestockt.
Bestimmt könnten mein Mann und ich nun mehr als einen Monat leicht überleben. Getreide hab ich mir bei der Abokiste bestellt. Die Getreidemühle freut sich, wenn ich sie wieder benutze, denn Brot backen kann ich noch - falls ich wieder Hefe bekomme.
Unseren Urlaub nach Irland haben wir storniert. Das setzt mir gewaltig zu. Aber es geht nicht anders. Am letzten Wochenende waren wir nicht wie geplant in Italien. Meinen Geburtstag feiere ich allein mit meinem Mann.
Nun habe ich Zeit, ein oder viele gute Bücher zu lesen (die hatte ich mir eigentlich für den Urlaub gekauft) und gute Musik zu hören. Vielleicht stricke ich meinem Mann eine lila Mütze. Das Fernsehprogramm reizt mich nicht sehr. Ich brauche nicht jeden Abend einen Mord. Ach ja, jetzt kommen die vielen DVDs, die ich von meiner Tochter geerbt habe, zum Einsatz.
Nun haben wir fast eine Ausgangssperre. Ich war und bin bereit! Mit meinem PC, dem Radio und dem Fernseher und dem Handy bin ich mit der Außenwelt verbunden. Die Zeitung lese ich digital (wichtig, weil sie dann nicht von anderen angefasst wurde).
Meine Welt ist erst mal ein bisschen kleiner geworden, und das bin ich echt nicht gewohnt. Aber ein Schwätzchen von Balkon zu Balkon mit meiner älteren Freundin nebenan ist auch nicht schlecht.
Etwas hat mich jedoch sehr positiv gestimmt: Meine junge Nachbarin gab mir per WhatsApp Bescheid, dass sie für mich einkaufen kann. Auch mein Sohn schickte mir dieses Angebot. Eine liebe Freundin nähte mir und meinem Mann einen Mundschutz. Trotz des vorgeschriebenen Abstandes rücken wir alle enger zusammen. Viele Hilfsaktionen laufen an. Das macht Hoffnung und Mut!
Aber sollte mich dieser unsichtbare Feind hoffentlich verschonen, und wenn dann irgendwann alles überstanden ist, werde ich die Freiheit viel bewusster genießen.
Ich setze mich wieder vor meinem Lieblingscafé in die Sonne und halte bei einem leckeren Cappuccino ein Schwätzchen mit meinen Freunden.