Die über 32-wöchige Veranstaltungsabstinenz im Kulturboden ist beendet. Nach der Fastenpredigt von Wolfgang Reichmann am zweiten Märzwochenende hatte die Coronakrise auch Hallstadt erfasst. Stammgast Hans Klaffl war es bei seinem vierten Auftritt auf der Kulturboden-Bühne vorbehalten, diese Durststrecke im vom 380 auf 140 Sitzplätzen reduzierten uns ausverkauften Saal zu beenden.

Vor der Zugabe wandte sich der ehemalige Musiklehrer mit sehr persönlichen Worten an die Kleinkunst-Begeisterten: "Ich bedanke mich einfach, dass Sie sich getraut haben zu kommen. Das Konzept ist da, ist gut aufgegangen, damit kann man leben." Spontaner Applaus als Ausdruck der Wertschätzung und auch der Erleichterung.

"Wir Künstler wollen die Veranstalter retten und umgekehrt. Da besteht kein Risiko, wenn sich jeder an die Regeln hält", machte Klaffl deutlich. Seine Worte dürften allen, im besonderen Maße aber Gaby und Wolfgang Heyder vom Veranstaltungsservice mehr als gut getan haben.

Gleich zwei Premieren

Nach dem knapp zweistündigen Programm "Nebensache! Eh ich es vergesse ..." zeigte Kulturboden-Beauftragter Ulli Wrede, der auch das neunseitige Hygienekonzept verfasst und griffbereit bei sich hatte, den Gästen den etwas ungewöhnlichen Ausgang über die Nottreppe. Eine Premiere hatte aus auch schon zu Beginn gegeben: Die Kartenbesitzer wurden nach der Registrierung von Gaby Heyder persönlich in den Saal begleitet und je nach Personenzahl platziert. Nichts überließ man dem Zufall, jeder Laufweg war durchdacht und markiert.

Die Großzügigkeit im Kulturboden spielte Wrede und Co. natürlich in die Karten. Seite Mitte September liefen die Restart-Vorbereitung auf Hochtouren. Dazu bedurfte es mehrerer Push-Faktoren, schließlich ist eine Veranstaltung mit einer Auslastung von 37 Prozent wirtschaftlich nicht rentabel. Heyder: "Unsere normale Win-Kalkulation bewegt sich bei 250 bis 300 Zuschauern."

Da ist zum einen die finanzielle Unterstützung durch die Stadt Hallstadt. Wrede: "Als der Stadtrat dies Anfang September einstimmig beschloss und bekräftigte, dass er voll hinter dem Konzept und Team stehe, musste ich schlucken." Emotionale Moment gab es auch für Gaby Heyder zuhauf. Besonders bei den Verhandlungen mit den Künstlern.

Herzzereißende Gespräche

"Viele Gespräche waren wirklich herzzerreißend", 90 Prozent hätten auf einen Teil ihrer Gagen verzichtet. Zu jenen gehörte auch Hans Klaffl, der sich solidarisch zeigte. "Da ich mich in einer gesicherten finanziellen Situation befinde, war die Unterstützung überhaupt keine Frage. Ich bin mit meinen 70 Jahren alt genug, um auch aufhören zu können. Aber die Veranstalter kann man nicht im Stich lassen."

Neben dieser "Corona-Gagen" war es aber auch die neue Theaterreihe, die für die Wiederbelebung des Kulturbodens sorgten, schließlich waren die Verträge schon vor langer Zeit unterschrieben worden.

"Wir sitzen alle im gleichen Boot", brachte es Heyder auf den Punkt. Sie wisse natürlich, dass alle Konzepte von einem Tag auf den anderen bei "roten" Corona-Zahlen Schall und Rauch sind. "Wir können den Virus nicht stoppen, wir können der Politik nun mal keine Frist setzen. Wir stehen bei der Systemrelevanz nicht weit vorne." Dies unterstrich auch Wrede: "In diesen Monaten der Untersicherheit hätten viele Veranstalter hingeschmissen. Die Heyders warfen das Handtuch nicht. Nur ihrem unglaublichen Enthusiasmus ist es zu verdanken, dass hier in der Region die Kultur wiedererwacht!"

Der Abend nach der 228-Tage-Pause war nicht nur für die Verantwortlichen ein besonderes Revival. "Gott sei Dank gibt es noch so etwas", freute sich eine Frau aus Burgkunstadt, die ihrem Gatten das Ticket zu Weihnachten 2019 geschenkt hatte. Apropos Tickets: Da hatte der Veranstaltungsservice Glück, bis März waren 120 Karten verkauft, dann kam die Sperre und nach der Neuauflage waren im September die restlichen 20 Tickets im Nu weg. Perfekt, denn besser verkaufte Veranstaltungen müssen immer wieder geschoben werden.

Personal ist abgewandert

Bleibt noch ein Blick zum Techniker: Der hatte Stand März 60 Termine, alles gestrichen, der Klaffl-Auftritt war "Premiere" in der Corona-Zeit. Auch die Personalfrage (Wrede: "Viele sind abgewandert, das wird noch ein Problem für uns") macht den Verantwortlichen Sorge.

Aus einer Krise kann man natürlich immer Schlüsse ziehen: Flexible Bestuhlungspläne mit unterschiedlicher Kapazität und ein "Hallo Guest"-System mit modernsten Zahlmöglichkeiten sind bereits Zukunftspläne.

Und wie lautet das Klaffl-Fazit? "Die Stimmung im vollen Saal ist schon anders. Da kommt mehr zurück, der Applaus ist schneller. Ich musste mich da schon etwas umstellen und die Spielfreude neu erlernen." 140 Gäste können bezeugen, dass der 70-Jährige genau das geschafft hat, seine Kindheitserinnerungen beinhalteten viel Nachdenkliches zu aktuellen Entwicklungen, er sparte Fremdenfeindlichkeit ebenso nicht aus wie Verfehlungen in der Bildungspolitik. Und er bot viel Anlass zum Lachen, etwa wenn er über die Grundprobleme der Lehrer philosophierte.

"Dem Publikum zeigen, dass es geht und die Leute bei sich halten", lautete das Klaffl-Credo, das er bestens erfüllte - dank der Hallstadter Rahmenbedingungen und seiner langen Bühnenerfahrung kein allzu großes Problem.

Bis zum Jahreswechsel stehen noch 19 Veranstaltungen im Kulturboden an. Covid-19 entscheidet alles. Sollten nur noch 50 statt 140 Zuschauer Einlass finden dürfen, dann, so Heyer, "dann können wir ganz zumachen".