Wer weiß heute noch, dass die Villa in der Hohen Straße 30, das Ketschendorfer Schloss oder das Gebäude mit der Nummer 19 in der Spitalgasse etwas mit jüdischem Leben zu tun haben oder wo das Haus der schönen Frauen war? Dabei gibt es noch viel mehr Zeugnisse in der Stadt, die zeigen, wie Jüdinnen und Juden im 19. und 20. Jahrhundert Coburgs Kultur mitgestaltet und geprägt haben.

Damit sie nicht irgendwann in Vergessenheit geraten, hat der Arbeitskreis "Lebendige Erinnerungskultur" mit Unterstützung der Initiative Stadtmuseum, des DGB Oberfranken West und des evangelischen Bildungswerks (ebw) über viele Monate an einem ehrgeizigen Projekt gearbeitet und präsentiert nun einen 75-minütigen digitalen Stadtrundgang zu Orten jüdischen Lebens in Coburg. Neun Mitglieder des Arbeitskreises, Rupert Appeltshauser, Franziska Bartl, Mathias Eckardt, Laura Göldner, Hubertus Habel, Verena Schnier, Gaby Schuller, Dieter Stößlein und Isabel Zosig, führen zu 14 Orten, die zeigen, wie präsent jüdische Kultur einst in der Stadt war.

"Ausgangspunkt ist das Gedenken an 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland", erläutert Dieter Stößlein, Leiter des evangelischen Bildungswerks, einer der Initiatoren und Mitglied des Arbeitskreises. Die Stadt Coburg hatte im August 2020 zur Mitwirkung an der Gestaltung des Gedenkjahres eingeladen. "Wir wollten uns einbringen, waren uns angesichts von Corona aber nicht im Klaren, in welcher Form", erzählt Rupert Appeltshauser, Vorsitzender der Initiative Stadtmuseum und Arbeitskreis-Mitglied. "Weil wir aber mit einem digitalen Projekt zur Reichspogromnacht schon recht erfolgreich waren - es wurde sehr viel angeklickt -, haben wir uns entschieden, den Stadtrundgang in gleicher Weise anzubieten", ergänzt er.

Für die Historikerin Franziska Bartl ist es wichtig, dass der Schwerpunkt des Projekts nicht auf der Schoah, der Vernichtung von Juden, liegt. "Vielmehr wollen wir die jüdische Kultur und ihre Vielfalt als Teil der deutschen Kultur aufzeigen. Das ist auch ein Anliegen der jüngeren Jüdinnen und Juden." So wird in dem Film zum Beispiel erzählt, was die Nachrichtenagentur Reuters mit dem Eckardtsturm zu tun hat, dass Thomas Mann in Coburg war, um einen jüdischen Arzt zu besuchen, was es Wissenswertes um die Besitzer des Ketschendorfer Schlosses gibt und was koscheres Essen bedeutet.

Trotz derzeit wieder auflebendem Antisemitismus geht es den Mitgliedern des Arbeitskreises nicht um Konfrontation. "Wir wollen den Finger nicht in die Wunde legen, sondern zeigen, dass jüdische Bürger viel zur Prosperität des Stadtlebens beigetragen haben", sagt Dieter Stößlein. Und Franziska Bartl ergänzt: "Es soll auch deutlich werden, welch kulturellen Verlust Coburg durch die Schoah erlebt hat."

Mit der professionellen Umsetzung des Projekts hat der Arbeitskreis "Lebendige Erinnerungskultur" Eichhornfilm aus Inning am Ammersee beauftragt. Förderung gab es von "Demokratie leben", von der Niederfüllbacher Stiftung, dem Bundesministerium für Familie, Senioren und Jugend sowie von der Stadt Coburg.