Das Jahr 2020 steht vor der Tür. Also wieder einmal höchste Zeit den Kaffeesatz aufzubrühen, die Glaskugel zu polieren, die Tarotkarten zu mischen und die I-Ging-Orakel-Stäbchen zu werfen. Wir werden schon noch sehen, was wir davon haben. In den vergangenen Jahren ist so gut wie nichts vom Vorgesagten eingetreten. Zum Glück. Aber 2020 kann eigentlich nur schlechter werden. Oder besser. Januar

Der Jahresanfang steht ganz unter den Vorzeichen der Kommunalwahlen. Der Wahlkampf nimmt Fahrt auf. Vor allem die Landratskandidaten überbieten sich mit Ideen. Sie machen den Wählern Vorschläge, die diese nicht ablehnen können. Und darum widerspricht auch keiner der politischen Gegner allzu laut. Den Anfang macht Johann Kalb (CSU). Um die lästige Diskussion über den regionalen Omnibusbahnhof (ROB) loszuwerden, will er das Landratsamt abreißen lassen um das Areal für den ROB zu nutzen. Das Landratsamt soll bis zu einem Neubau auf dem Muna-Gelände provisorisch in Buttenheim unterkommen. Einige murren, doch eine bessere Idee, den ROB vor 2031 zu realisieren, hat keiner. Februar

Zu einem ROB am Bahnhof kann auch die SPD nicht Nein sagen. Ihr Kandidat Andreas Schwarz hat das ja selbst gefordert. Aber er will ihn "direkt am Bahnhof". Also plädiert er dafür den Bahnhof beim ICE-Ausbau Ins Atrium zu verlagern und den Bahnhof zum Landratsamt umzubauen. Der Ringschluss erscheint allen schlüssig und Schwarz fährt erst mal zu den Verhandlungen mit der Bahn nach Berlin. März

Der Wahltermin rückt näher. Als Joker zieht Bernd Fricke (Grüne) die ÖPNV-Landkarte. Die E-Car-Flotte soll ausgeweitet werden und die Fahrzeuge als Ruftaxis in allen Orten im Landkreis unterwegs sein. Dafür gibt es das 365-Euro-Ticket für alle. Wer nachweislich ebenso viele Kilometer mit dem Rad wie mit dem E-Taxi zurücklegt, erhält zusätzlich 50 Prozent Rabatt. Es gibt zwar ein paar Zweifler, aber in der letzten Sitzung des alten Kreistags wird die sofortige Umsetzung einstimmig beschlossen. April

Die Wahlen haben stattgefunden, aber die Stimmen sind immer noch nicht ausgezählt, weil fast alle Wahlhelfer als ehrenamtliche Fahrer der Ruftaxis unterwegs sind. Die noch bis Ende April amtierenden Kreisräte und Kommunalpolitiker sind sich aber einig, dass das keine Eile hat. Denn so harmonisch wie in den vergangenen Monaten hat man große Ideen noch nie umgesetzt. Es tut sich was im Landkreis. Darum wollen alle einfach so weitermachen. Mai

Jetzt will auch Bruno Kellner eine Schippe drauflegen. Er ist sich zwar sicher, dass er die Landratswahl gewonnen hat, aber mit dem jetzigen System sieht er bessere Chancen, seine Ideen durchzusetzen. Er schlägt vor, dass allen alle Wünsche erfüllt werden, was allerdings nichts kosten darf. "Ja ist denn schon wieder Weihnachten", denken sich die anderen. Widerspruch regt sich allerdings nicht. Kellner selbst wünscht sich als erstes, dass Telefon und elektronischer Posteingang im neugeschaffenen Bürgerwunschamt im Bunker des Landratsamtes abgeklemmt werden. Der Wunsch wird ihm natürlich erfüllt. Juni

Der stellvertretende Landrat Johann Pfister (BBL) merkt an, dass die Amtszeit des Landrats schon seit über einem Monat abgelaufen ist. Da der alte Kreistag in Ermangelung der Stimmenauszählung für den neuen immer noch kommissarisch amtiere, und er der oberste von diesem Gremium gewählte Vertreter sei, er nunmehr die Geschäfte im Landratsamt führen werde. Überraschenderweise schweigt Johann Kalb dazu, lacht sich aber ins Fäustchen, weil er weiß, dass der Laden ohnehin bald abgerissen wird. Er hat für die Sommerferien schon die Abrissbagger bestellt. Und für das provisorische neue Amtszimmer in seinem Haus in Buttenheim wird er die Schlüssel sicher nicht rausrücken. Juli

Als Abschiedsgeschenk wünscht sich Kalb dennoch etwas: ein Bierkulturzentrum. Die Kreisräte bewilligen ihm ein Bierbrauset, eine Bierkellergarnitur und ein Bierkochbuch - verbunden mit dem Wunsch, er möge alles im künftigen provisorischen Amtszimmer einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen. August

Die Abrissbirnen schlagen unablässig im Mauerwerk des Landratsamtes ein. Weil der Umzug ins Provisorium mangels Schlüsselübergabe noch nicht möglich war, geht auch das gesamte Mobiliar zu Bruch. September

Die oberste Wahlbehörde versucht in Bamberg nachzufragen, wann denn nun endlich die Stimmen der Landrats- und der Kreistagswahl ausgezählt werden. Es ist jedoch niemand zu erreichen. Vertreter der Wahlkommission in Begleitung eines Sondereinsatzkommandos der Polizei finden nur noch die Trümmer des Landratsamtes vor. Ein Baggerfahrer, der gerade damit beginnen will, den Schuttberg abzutragen gibt ihnen die Mobilfunknummer von Johann Kalb. Der gibt an, er habe mit der Sache nichts mehr zu tun und werde noch für unbestimmte Zeit in Biervana (Indien) weilen und man möge sich doch bitte an seinen Stellvertreter wenden. Oktober

Bei einem Ortstermin der Wahlkommission mit Johann Pfister wird klar, dass sich die gesamten Stimmzettel der Kommunalwahlen ganz unten unter dem immer noch großen Trümmerhaufen befinden müssen. Denn sie wurden offenbar zuletzt im Wünschebunker deponiert. Selbst wenn der Schutt noch schneller entfernt werden könnte, würden sie kaum vor Weihnachten geborgen werden können. November

Typische Novembertristesse: Keiner hat mehr große Lust etwas zu tun. Es geht ja eh nix voran. Veteranen des Kreistags treffen sich auf ein Bier an einem geheimgehaltenen Ort im Landkreis. Als sie feststellen, dass ihre Zahl zur Beschlussfähigkeit ausreicht, kommt einer auf die Idee, jetzt wenigstens noch den Bau des ROB zu beschließen. Ein anderer meint, der Wiederaufbau des Landratsamtes müsse Vorrang haben. Ob ein weiterer Vorschlag, das Johann-Kalb-Gedächtnis-Bierkulturzentrum an Stelle des ehemaligen Landratsamtes zu errichten, ernst gemeint war oder nicht, lässt sich nicht mehr klären. Es kommt zur hitzigen Diskussion, zum offenen Streit und schließlich fliegen die Seidla. Dezember

Das Jahr 2020, das in der Landkreispolitik so außergewöhnlich friedlich und produktiv begonnen hat, endet im Chaos. Und als endlich die Stimmzettel freigelegt sind, können sie bei einem besinnlichen Weihnachtsfeuer am künftigen ROB verschürt werden. Denn die oberste Wahlkommission hat entschieden, dass die Landrats- und die Kreistagswahl in Bamberg im Jahr 2021 wiederholt werden muss. Der Wahlkampf kann erneut beginnen.