Ein Wildschweinbraten? War da nicht was mit Strahlung, nach Tschernobyl? Doch da war was. Es ist 35 Jahre her, dass in Tschernobyl das bis heute schwerste Unglück der zivilen Kernenergienutzung passiert ist. Radioaktive Stoffe fielen danach auch auf Deutschland, auf den Süden Bayerns besonders aber auch auf Oberfranken. Es dauert bei vielen dieser Stoffe sehr lange, bis sie sich abbauen. Also lieber kein Wildschwein? Doch, sagt Sven Fischer - und er weiß warum.

Für Sven Fischer ist der Umgang mit den Folgen des Reaktorunfalls fast tägliche Arbeit. Er ist Jäger, Metzger und betreibt für die Kreisgruppe Coburg im Bayerischen Landesjagdverband (BJV) eine Messstation, in der Wildbret auf seine radioaktive Belastung getestet werden kann. Den Jägern geht es darum, nichts in Verkehr zu bringen, was den Abnehmern schaden würde. Sie wollen das Vertrauen in heimisches Wildbret nicht aufs Spiel setzen. Damit nur einwandfreies Wildfleisch auf den Teller der Verbraucher kommt, hat der Bayerische Jagdverband (BJV) in den 90er Jahren damit begonnen, ein flächendeckendes Netz von Radiocäsium-Messstationen zu errichten, das mittlerweile weit ausgebaut wurde. Inzwischen betreibt der BJV über seine Kreisgruppen und Jägervereine 124 Messstationen auf ganz Bayern verteilt. Eine davon ist die von Sven Fischer. Das Netz solcher Messstationen ist laut BJV das dichteste in Deutschland.

Jäger bringen 500 Gramm Muskelfleisch eines erlegten Wildschweins zu Sven Fischer. Der füllt die Probe in einen Becher und gibt sie in das Messgerät. Liegt die Belastung höher als 600 Becquerel pro Kilo Wildbret, darf das Tier nicht in Verkehr gebracht werden. Der Grenzwert wird selten erreicht. "Seit 2017 hatten wir vier Schweine, bei denen die Belastung zu hoch war", sagt Sven Fischer nach einem Blick in seine Aufzeichnungen. Meist lag der Wert knapp über der Grenze, nur eines der vier Tiere wurde mit über 1000 Becquerel je Kilogramm gemessen. "Im Coburger Land kommt es praktisch nie vor, dass der Wert zu hoch ist. Die Tiere mit hoher Belastung wurden in Thüringen erlegt", sagt Sven Fischer. Die hoch belasteten Tiere werden entsorgt. Sie kommen in eine Verbrennungsanlage. Jäger können dafür, dass sie die Tiere nicht verwerten können, eine Entschädigung beantragen.

Und noch etwas lässt sich aus den Aufzeichnungen heraus lesen. "Im Winter sind die Werte höher als im Sommer", stellt Sven Fischer fest. Die Erklärung liefert er gleich mit. "Im Winter wühlen die Tiere mehr im Wald, im Sommer sind sie in der Feldflur unterwegs."

Wer immer noch Zweifel hat, ob der Wildschweinbraten nun schmecken darf oder lieber nicht, der kann beim Landesamt für Umwelt nachschlagen. Auf der Homepage gibt es eine Einordnung verschiedener Belastungen. Demnach muss bei einer Portion Wildschweinbraten mit 0,004 Millisievert (mSv) gerechnet werden. Drei Stunden Flug in zehn Kilometern Höhe entsprechen 0,01 mSv und wer 20 Zigaretten raucht, kommt auf 9 mSv. Der Wildschweinbraten muss also eher wenig Bedenken auslösen.

Als der Reaktorblock vier in Tschernobyl am 26. April 1986 explodierte , war das auf der siebenstufigen internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse das erste, das in die höchste Kategorie "katastrophaler Unfall" eingeordnet wurde. Innerhalb der ersten zehn Tage nach der Explosion wurde eine Radioaktivität von mehreren Trillionen Becquerel in die Erdatmosphäre freigesetzt. Die so in die Atmosphäre gelangten radioaktiven Stoffe, darunter die Isotope 137 Caesium mit einer Halbwertszeit (HWZ) von rund 30 Jahren und 131 Iod (HWZ: 8 Tage), kontaminierten infolge radioaktiven Niederschlags hauptsächlich die Region nordöstlich von Tschernobyl sowie durch Windverfrachtung viele Länder in Europa. Die erste Meldung im Coburger Tageblatt zu dem Unglück erschien erst am 29. April. Die Sowjetunion hüllte sich gern in Schweigen.

Unter einer gigantischen Stahlhülle verborgen, soll inzwischen der explodierte Reaktor des KKW Tschernobyl aufhören, eine Gefahr für die Welt zu sein. Doch die strahlenden Stoffe, die am 26. April 1986 bei der Katastrophe in die Atmosphäre gelangten und über weiten Teilen Europas niedergingen, die haben auch nach 35 Jahren nicht völlig aufgehört zu strahlen. Nach Spitzenwerten im Mai 1986 ging die Belastung nach Messungen des BfS bis Juni 1986 bereits deutlich zurück, weg ist sie bis heute nicht - übrigens auch nicht die Belastung aus den Atomwaffentests der 50er und 60er Jahre