In der vergangenen Woche ist der Literaturkritiker Karl Heinz Bohrer im Alter von 88 Jahren in London gestorben. Betrauert wird nicht nur ein Originalgenie, auf das zum Beispiel die Beachtung des überraschenden Augenblicks bzw. Wendepunkts in der Literatur wie im Leben zurückgeht. Den Titel „Jetzt“ – Untertitel: „Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie“ – etwa trug 2017 ein Buch mit seinen sehr persönlichen Erinnerungen.

Für Leser aus Bamberg und ganz Franken ist Bohrers Buch über „Die Kritik der Romantik“ von Bedeutung, gerade im Vorblick auf das E.T.A.- Hoffmann-Jahr 2022, wenn an dessen 200. Todestag erinnert wird. Denn bekanntlich hat der Romantiker aus Königsberg entscheidende Jahre in Bamberg verbracht, genauso wie G.W.F. Hegel , einer der bedeutendsten Kritiker der Romantik und Hoffmanns.

Dazu zitiert Bohrer eine Stelle aus Hegels „ Ästhetik “: „Vorzüglich jedoch ist in neuester Zeit die innere haltlose Zerrissenheit, welche alle widrigsten Dissonanzen durchgeht, Mode geworden und hat einen Humor der Abscheulichkeit und eine Fratzenhaftigkeit der Ironie zuwege gebracht, in der sich (Ernst) Theodor (Amadeus) Hoffmann z.B. wohlgefiel.“

Man kennt ja die Tatsache, dass Hoffmann unter anderem die „Fratzenhaftigkeit“ eines Apfelweibs sowie den Wahnsinn in mehreren Figuren thematisiert hat. Auch Friedrich Schelling , der im Jahre 1800 in Bamberg wichtige Vorlesungen hielt und dann mehrere Jahre in Würzburg, München, Erlangen und Berlin lehrte, steht laut Bohrer mit den Jahren „quer“ zur Philosophie seines einstmaligen Tübinger Studienfreunds Hegel . Genau diese „Dissonanzen“ waren es aber, die Karl Heinz Bohrer als Mittel der Dichter entdeckte, um die Wirkung etwa eines Romans zu steigern.

Die Bedeutung des Hasses

„Mit Dolchen sprechen. Der literarische Hass-Effekt“ hieß sein 2019 erschienenes Buch , anhand dessen heutige Studentinnen und Studenten die Weltliteratur von Homer bis Handke kennenlernen können.

So manchen Hass hat auch Bohrer selbst mit seinen politischen Stellungnahmen auf sich gezogen. Über den mit Bamberg verbundenen Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944 schrieb er beispielsweise 2009, Stauffenberg und seine Freunde repräsentierten „eine Höhe des sittlichen, charakterlichen und kulturellen Formats, von dem heutige Politiker und andere Mitglieder der Funktionselite nur träumen können“.

Und bei einem Vortrag an der Universität Stanford beklagte er 2007: „An die Stelle des Gentleman trat vor dreißig Jahren der Hooligan . Inzwischen ist es der fett gewordene Wochenendsäufer und das dumme Spice Girl beziehungsweise die WAGs, wie man die shoppenden Girls der englischen Fußballstars nennt.“

Man sage jetzt nicht, der hochintellektuelle Bohrer sei kein Fußballfan gewesen. Sogar sprichwörtlich wurde sein Wort, der Günter Netzer habe seine Vorstöße „aus der Tiefe des Raumes“ vorgetragen.

Das Urteilsvermögen und die Formulierungskunst Karl Heinz Bohrers wird fehlen.