Kronach —  Kann man durch die Zeit reisen? Jeder, der am Sonntagabend dem Duo mit der wohlklingenden Wortschöpfung "La Vigna" ("Weinberg") zuhörte, wird dies sofort bejahen. Schon mit den ersten beseelten Tönen begann eine unglaubliche Reise durch Raum und Zeit, die Theresia Stahl (Blockflöten) und Christian Stahl (Theorbe, Laute) ihrer - leider nicht sehr zahlreichen - Hörerschaft kredenzten: Ein wahres Klangfeuerwerk von betörender Schönheit: mitreißend fröhliche Klange zum Eintauchen in die klangliche musikalische Vielfalt der in Zeiten des Barocks miteinander konkurrierenden Kulturstädte Paris und Venedig.

Während Ludwig XIV. die besten Musiker Frankreichs nach Paris holte und eine intime, filigrane und wahrhaft französische Kammermusik pflegte, feierten die karnevalsverwöhnten Venezianer eine "neue Musik": experimentierfreudig, ausdrucksstark und voller Affekte.

Tatsächlich bildeten sich im 17./18. Jahrhundert typische Nationalstile heraus. Der Franzose J.-J. Bouchard schrieb 1635 in Rom: "Ob die italienische Musik besser ist als die französische, darüber gibt es eine große Kontroverse". Denn während die Franzosen eine konservative Musik der Regelmäßigkeit und Anmut pflegten, hatten die Italiener einen neuen Stil geschaffen, der auf dramatische und extrovertierte Weise die Affekte ausdrücken sollte.

Als Experten für Musikkultur des europäischen Barocks macht das Künstlerpaar Theresia und Christian Stahl diese Unterschiede auf historischen Instrumenten erlebbar: Zusammen mit dem warmen Klang der Barocklaute verleiht die Leichtigkeit der Blockflöte dieser wendigen, zierlichen Kammermusik einen eleganten Fluss.

Von Beginn an merkte man auch in Kronach dem Duo den Spaß und die Freude an der schönen alten Musik und dem gemeinsamen Musizieren deutlich an, was sich sofort aufs Publikum übertrug. Da wurde das Kinn ordentlich zum Nicken gebracht und die Füße wippten wie von selbst mit. Zum Klingen gebracht wurden musikalische Kostbarkeiten jener spannenden Zeit-Suiten und Sonaten aus der Feder von Jacques Hotteterre, Denis Gaultier und Antoine Dornel aus Frankreich sowie Giovanni Battista Fontana, Antonio Vivaldi, Giovanni Bassano und Dario Castello aus Italien.

Theresia Stahl studierte "Diplommusikerziehung Blockflöte" an der Universität der Künste in Berlin. Daran schloss sich ein künstlerisches Aufbaustudium bei Prof. Gerd Lünenbürger an. In einer beeindruckenden Mischung aus Präzision und Emotionalität entlockte die gebürtige Dresdnerin den von ihr mühelos gewechselten historischen Flöten, darunter auch eine Ganassi-Flöte, ungemein weiche, zarte Töne. Diese erklangen in schönster Zweisamkeit mit der Laute beziehungsweise Theorbe - gespielt von Christian Stahl, der aus Pforzheim im Schwarzwald stammt. Der Vollblutmusiker studierte klassische Gitarre an der Universität der Künstel Berlin sowie anschließend "Alte Musik/Laute" an den Hochschulen für Musik in Dresden und in Leipzig.

Gelungene barocke Kombination

Die Theorbe ist das größte Instrument der europäischen Lautenfamilie. Sie besitzt bedeutend längere Saiten als die anderen Lauten. Die frei schwingenden Bass-Saiten werden an einer Halsverlängerung mit eigenem Wirbelkasten befestigt. Von circa 1580 bis nach 1750 war die Theorbe ein beliebtes Begleitinstrument; aus ihrer Entstehungsphase sind auch Tabulaturen für Solomusik erhalten. In den Händen von Christian Stahl entfaltete das riesige Instrument seine gesamte leidenschaftliche Klangfülle. Im eleganten Zusammenspiel versetzte das kongeniale Duo seine Zuhörer zurück in die Zeit des Barock beziehungsweise Überganges der Renaissance in die Barockzeit. Viele wissenswerte Infos über die Musik und deren Entstehung, die Instrumente und Zeitepoche - vermittelt vom Künstlerpaar, das sich einst am Kaffeeautomaten der Hochschule der Künste in Berlin kennenlernte - rundeten das meisterhaft gespielte Konzert ab.

Paris! ...oder vielleicht doch Venedig? Wessen Musikwelten waren nun der "große Wurf"? Hierüber konnte sich das eingangs von Pfarrer Andreas Heindl willkommen geheißene Publikum am Ende des Konzerts ein eigenes Urteil zu bilden.

Für seinen warmen langanhaltenden Applaus wurde dieses als Zugabe mit dem beseelten klangmalerischen Gesang einer zarten Nachtigall ("le rossignol délicat") aus einer Sammlung alter französischer Lieder belohnt.