Siegfried Sesselmann

Seit ewigen Zeiten führte die alte Pressecker Straße in Stadtsteinach die Grünbürg hinauf. Am Einzel Große Birken gelangte man Richtung Presseck. Einen anderen Weg hinauf in den Frankenwald wählten früher die Zaubacher, nämlich am Diabaswerk Göppner vorbei Richtung Schwand. Sah man früher Kutschen und Fuhrwerke, so konnten Fahrgäste ab 1924 mit dem Kraftpostbus von Kulmbach nach Kronach fahren. Die Strecke nach Presseck war eher ein Feldweg als eine viel befahrene Straße. Wann die Staatsstraße 2195 geteert und zweispurig ausgebaut wurde, ist nicht genau zu ermitteln.
Doch 1966 kam Leben in diesen idyllischen Eingang zum Frankenwald. Der 1. Automobil-Club Erlangen überzeugte Landrat Hans Köstner und Bürgermeister Egid Kotschenreuther, den Fremdenverkehr ins Stadtsteinacher Land zu bringen. Ein ADAC-Frankenwald-Bergrennen sollte immer am ersten Wochenende im Mai bis zu 20 000 Besucher nach Stadtsteinach locken.


170 Meter Höhenunterschied

Die Gesamtleitung hatte Hermann Böhm, geboren 1916 in Nürnberg, ein Rennfanatiker, dessen Erfolge sich sehen lassen können. 1949 zählte er zum schnellsten Beiwagenpaar Europas auf seiner 500er NSU-Kompressor. 1951 fuhr er mit 248 Stundenkilometern einen absoluten Motorrad-Seitenwagen-Weltrekord, weitere 14 Weltbestleistungen sollten folgen.
Bestens organisiert mit einer erfahrenen Mannschaft aus Erlangen begann das erste Bergrennen. Start war beim Steinbruch, Ziel nach gut 3,5 Kilomezern das Einzel Große Birken. Der Höhenunterschied, der zu bewältigen war, betrug 170 Meter. Am Start waren Tourenwagen, Grand-Tourisme-Wagen, Rennautos der Formel III und Motorräder solo und mit Beiwagen. Am Vortag wurde ein großer Fahrerempfang im Schützenhaus in Ziegelhütten mit Großfeuerwerk durchgeführt. Nach dem Rennen am 1. Mai veranstaltete man ebenfalls im Schützenhaus die Siegerehrung mit Tanz. Jedoch hatte die Rennorganisation aus Erlangen die Leitung nur acht Jahre lang.
Nun waren Begriffe in aller Munde, Flurnamen, die in Vergessenheit geraten wären wie Fuchsloch, Kollergraben, Teufelsbrücke, Schwander Höh und Karussell, an denen die Rennfahrer ihr Können beweisen mussten - und man vereinbarte, wo man sich als Zuschauer treffen sollte.


Kontrolleure unterwegs

Die Jugendlichen aus Stadtsteinach, Schwand, Römersreuth und Vorderreuth kannten die Schleichwege, um keinen Eintritt zahlen zu müssen. Auch wenn viele nicht unbedingt an den Rennen interessiert waren, so galt es als Wettbewerb, ohne Eintritt zu zahlen bis zum Ziel und wieder zurück zu kommen. Allen war bekannt, dass zwei Kontrolleure unterwegs waren. Wer erwischt wurde, musste blechen, und die Kontrolleure durften je eine D-Mark für sich behalten.
Ganz im Verborgenen wuchs mit dem Bergrennen der Motorsportclub Presseck im ADAC heran, der in die Organisation hineinwuchs. Zwei Brüder, Karl (1923 - 2011) und Alfons Burger (1931 - 2011), lebten für den Rennsport, und so veranstaltete der MSC Presseck 1969 und 1970 in Kübelhof bei Rugendorf zwei Grasbahnrennen für Motorräder. Mit einer guten Mannschaft wagte man 1974, die Organisation des Frankenwald- Bergrennens selbst zu übernehmen. Zwar war Hermann Böhm noch zwei Jahre verantwortlich, doch ab 1977 stemmten die Pressecker die komplette Organisation bis 1982, acht Jahre lang.


Unerwarterer Widerstand

1970 heiratete der 54-jährige Hermann Böhm in Stadtsteinach die 26-jährige Brigitte Wolfrum, die in Hof geboren worden war und mit ihren Eltern in Kulmbach lebte. Der Rennleiter wohnte mittlerweile in Stadtsteinach in der Egerländer Straße 1. Die Eltern von Brigitte Wolfrum, Hans und Elsa Wolfrum, führten in der Kronacher Straße 17 (Dr. Beetz) von 1972 bis 1978 die Mönchshof-Bierstube. Doch Hermann Böhm, der auch kaufmännisch dachte, wollte 1977 etwas Größeres in Stadtsteinach schaffen. Ein Frankenwaldring auf dem Bergfeld zwischen Stadtsteinach und dem Ortsteil Zaubach sollte entstehen - ein Nürburgring in Stadtsteinach. Nebenbei erwähnt liegt das Bergfeld nicht im Frankenwald, doch das war damals Nebensache. Er wägte sich als Manager und Veranstalter, Rennen und Teststrecken sollten das ganze Jahre über laufen.
Doch dieser Plan rief einige Stadtsteinacher unter Federführung des Jusos-Vorsitzenden Jonny Spörl auf den Plan, Diskussionsleiter war damals Oberlehrer Günther Heß. Mit diesem Widerstand hatte kaum einer gerechnet, der Plan wurde niedergelegt. Hermann Böhm zog wieder nach Nürnberg, wo er 1983 verstarb. Neben seiner Frau hinterließ er auch zwei Söhne, Thomas und Hermann.


Schrecklicher Unfall

Der Motorsportclub Presseck veranstalte von 1983 bis 2000 in Kübelhof einen Autocross. Aber die Erinnerung an die Frankenwald-Bergrennen trieb die wagemutigen Pressecker an, eine neue Herausforderung zu stemmen. 2002 riefen sie ein Revival, ein Wiederaufleben ins Leben. Doch dies sollte völlig anders durchgeführt werden. Gleichmäßigkeitsprüfung hieß das Zauberwort. Jeder Fahrer befuhr die Strecke zweimal, und je näher er beim zweiten Durchgang an seine erste Zeit kam, um so größer waren seine Chancen zum Sieg. Dieses "ADAC Frankenwald Berg", wie es hieß, fand neun Jahre Anhänger und Begeisterte.
Doch 2011, beim 9. ADAC-Frankenwald-Revival kam es zu einem schrecklichen Unfall. Ein Rennauto, ein rot-weißer Polo, raste in eine Gruppe von Zuschauern, elf Menschen wurden verletzt, ein Kind trug schwere Verletzungen davon. Das Rennen wurde sofort abgebrochen. Ein Rettungshubschrauber brachte das Kind ins Klinikum Bayreuth. Die Schuldfrage ist bis heute nicht eindeutig geklärt.
Diese Rennen auf der Staatsstraße nach Presseck gehören nun der Vergangenheit an. Doch 45 Jahre lang heulten die Motoren am Tor zum Frankenwald. Leider war auch ein Toter zu beklagen. Für einen Beifahrer in einem Beiwagen kam nach dem Unfall jede Hilfe zu spät.