Manfred Wagner Der Prozess vor dem Jugendgericht wegen illegalen Waffenbesitzes endete mit einer faustdicken Überraschung. Obwohl sowohl die Staatsanwältin als auch der Verteidiger einen Freispruch beantragten, verurteilte Jugendrichter Martin Kober den bislang nicht vorbestraften Lagerarbeiter (22) zu einer Geldstrafe von 1600 Euro. Zu dem Schuldspruch kam es, weil Kober davon überzeugt war, dass ein Elektroschocker dem jungen Mann gehörte.

Am 13. September 2018 gab es eine größere Polizeiaktion in einem Dorf. Dabei suchten die Einsatzkräfte in erster Linie nach Rauschgift. Wie einer der beteiligten Polizisten im Zeugenstand aussagte, fand man aber nur leere Tütchen. Zu einer Anklage reichte das nicht.

Im Zimmer des Angeklagten aber lagen zwei Teleskop-Schlagstöcke und unter dem Fahrersitz des auf dem Hof stehenden Audi ein Elektroschockgerät, das wie eine Taschenlampe aussieht. Während die Schlagstöcke nicht verboten sind, ist der Besitz des Elektroschockers strafbar.

"Vermutungen reichen nicht"

Jugendgerichtshelfer Franz Heinrich beschrieb den Heranwachsenden als zurückhaltenden und freundlichen Menschen. In der Schule sei er sehr zielstrebig gewesen und habe sie mit der Mittleren Reife abgeschlossen. Eine Ausbildung als Mechatroniker habe er ebenfalls erfolgreich absolviert. Zurzeit befinde sich der junge Mann in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis.

Rechtsanwalt Thomas Drehsen wies darauf hin, dass der Audi, in dem der Elektroschocker gefunden wurde, auf den Vater des Angeklagten zugelassen sei. Sein Mandant selber fahre einen Golf. Zudem seien auf dem Gerät keine Fingerabdrücke gefunden worden. Von daher gebe es keinen Nachweis, wem es gehöre. In seinem Plädoyer betonte er, dass die Schuld des Angeklagten zweifelsfrei nachgewiesen werden müsse, bevor dieser verurteilt werden dürfe. "Vermutungen alleine", unterstrich Drehsen, "reichen nicht aus." Er forderte einen Freispruch.

Berufung ist wahrscheinlich

Die Staatsanwältin wirkte etwas unentschlossen, als sie erklärte: "Ich mag solche Verhandlungen nicht, weil jeder weiß, wem der Elektroschocker gehört hat." Da sie sich aber nicht in der Lage sah, einen Beweis vorzutragen, beantragte sie ebenfalls einen Freispruch.

Was dann geschah, passiert vor Gericht selten. Der Vorsitzende war im Gegensatz zu den anderen Juristen überzeugt, dass die Waffe dem 22-Jährigen gehörte, und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen à 40 Euro. Der Richterspruch wird vorerst wohl nicht rechtskräftig, da davon auszugehen ist, dass die Verteidigung Berufung einlegen wird.