Die Wohnung von Charalampos L. liegt nur ein paar Minuten von der Wärmestube in der Fürther Innenstadt entfernt. Wenn man das, in dem der 74-jährige Grieche seinen Lebensabend verbringt, überhaupt als Wohnung bezeichnen will. 30 Quadratmeter, kein Bad, nur Waschbecken und Toilette, Zugang durch einen Hinterhof, über eine sehr steile Holztreppe.

Seit fast 37 Jahren lebt Charalampos L. in Deutschland, die letzten 20 in Fürth. Auf Baustellen hat er hier gearbeitet und in einer Wurstfabrik. Jeden Monat bekommt der Grieche 431,41 Euro Rente. Davon muss er leben. Ersparnisse hat er keine.

Im Fernsehen läuft eine Phoenix-Dokumentation über die Schuldenkrise in seinem Land. Doch der Grieche hat seine eigenen Probleme. "Ich war Elektro schweißer. Meine Lunge ist zu 80 Prozent kaputt", sagt er und setzt in die Nase wieder seine Sauerstoffsonde, die er 24 Stunden am Tag tragen soll.

112 Euro Miete pro Monat

Das Fürther Hinterhofzimmer nutzt Charalampos L. seit 15 Jahren. 112 Euro Miete zahlt er monatlich. Seit drei Wochen geht wenigstens die Heizung wieder. Zuletzt hatte der Grieche vier Jahre lang ohne Strom und Gas gelebt. Doch den alten Mann, der täglich zehn Tabletten schlucken muss, plagen schon wieder neue Sorgen. Über das einzige Fenster in der Dachschräge der Einzimmerwohnung dringt Wasser ein und läuft die Wand hinunter. "Der Vermieter macht überhaupt gar nichts", sagt Charalampos L. Seine Stimme ist fest, aber sie klingt resigniert.

Eigentlich ein Fall für Wolfgang Sperber. Im Bürozimmer des 58-jährigen Diplom-Sozialpädagogen hängt ein Zettel mit Zahlen an der Wand. Darauf sind die Mietobergrenzen in der Stadt Fürth notiert: 348 Euro für eine Einzelperson - der Betrag, für den das Sozialamt der Stadt im Höchstfall aufkommt. Hinzu kommen die Kosten für die Heizung.

Einsam und ohne Dach über dem Kopf

Sperber ist Leiter der Fürther Wärmestube. Seit 1992 gibt es die Einrichtung. Hierhin kann jeder kommen. In der Regel kommen Leute, die in einer Notlage sind: einsam, mit finanziellen Problemen oder ohne Dach über dem Kopf. Für zwei Euro gibt es ein warmes Mittagessen. "Es kommen immer mehr Senioren", berichtet Sperber. Nicht allein wegen des Mittagessens. Sie sind arm, und nicht jeder Rentner weiß, wie und wann er Grundsicherung bekommt. 876 Fürther im Rentenalter haben Ende 2013 diese Sozialleistung erhalten. 2005 waren es noch 456 gewesen. Doch Fürth ist kein Einzelfall. Überall im Freistaat, egal ob in Städten oder Landkreisen, sind die Empfängerzahlen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Waren 2006 noch zwei Prozent der Einwohner in Bayern ab 65 Jahren auf diese Form von Sozialhilfe nachweislich angewiesen, so zeigt die letzte Statistik von Ende 2013 schon eine Quote von 2,6 Prozent. In Deutschland liegt der Durchschnitt bei drei Prozent.

Höhere Kosten für alle

Dass die Existenzsicherung für arme Rentner den Staat immer mehr kostet, sollte inzwischen allen Politikern bekannt sein. Schon im Rahmen der Aufstellung des Haushalts für das vergangene Jahr hatte das Bundesarbeitsministerium eine Rechnung aufgestellt: Demnach steigen die Kosten für die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung von voraussichtlich 5,5 Milliarden Euro im Jahr 2014 bis 2018 auf 7,2 Milliarden Euro. Dabei ist auch zu berücksichtigen: Der Anteil der Senioren an der Gesamtbevölkerung steigt kontinuierlich.

Fürths OB sieht die Entwicklung der Altersarmut mit Sorge

Thomas Jung (SPD), Oberbürgermeister der Stadt Fürth mit ihren rund 124 000 Einwohnern, sieht die Entwicklung mit Sorge. "Beunruhigend finde ich die steigende Zahl der Seniorinnen und Senioren in unserer Stadt, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, weil ihre Rente nicht ausreicht", schrieb Jung vergangene Woche im Mitteilungsblatt der Stadt. Hier müsse die Bundesregierung endlich tätig werden. "Ich glaube, dass beispielsweise die Anerkennung weiterer Kindererziehungszeiten bei Frauen ein wichtiger und richtiger Schritt wäre", sagt der OB, Sperbers oberster Dienstherr.


Sozialministerin: "Mit Wachstum und Beschäftigung gegen Altersarmut"

Im bayerischen Sozialministerium hebt man auf unsere Anfrage bezüglich steigender Altersarmut hervor, dass Bayern in Westdeutschland die zweitniedrigste Quote von Empfängern von Grundsicherung im Alter habe. Ein konkretes Programm, um der steigenden Altersarmut gezielt gegenzusteuern, scheint es nicht zu geben. "Das beste Mittel gegen Altersarmut und für Generationengerechtigkeit ist eine Politik für Wachstum und Beschäftigung", sagt Sozialministerin Emilia Müller dazu.

Grundsicherung erhalten immer noch mehr Frauen als Männer, auch wenn sich ihr Anteil in den vergangenen Jahren auf 54 Prozent reduziert hat. In die Fürther Wärmestube kommen dagegen überwiegend Männer. "Die trauen sich eher", sagt Wolfgang Sperber.

Gerhard K. traut sich fast täglich in die Wärmestube

Gerhard K. ist einer, der sich nahezu täglich hierher "traut". Der 65-Jährige lebt allein in Fürth, bezieht eine Rente von 880 Euro. Das ist nicht viel, aber so hoch, dass er keinerlei Ansprüche auf staatliche Unterstützung hat. Als gelernter Schlosser hat er bis zu seinem 55. Lebensjahr in drei verschiedenen Firmen gearbeitet, unter anderem Flachdächer geschweißt. Dann ging die letzte Firma pleite. "Ich habe Bewerbungen geschrieben noch und noch", erzählt K. "Aber es ging rein gar nichts mehr."

Sparen - oder schämen?

Inzwischen ist Gerhard K. Rentner. 320 Euro zahlt er für die Miete, 130 Euro für Strom und Heizung. Bleiben 430 Euro übrig. Davon muss K. unter anderem sein Essen kaufen. "Hier kostet die Mahlzeit zwei Euro, anderswo müsste ich vielleicht acht zahlen", rechnet er vor. Gleich nebenan betreibt die Wärmestube auch eine Fundgrube. Für einen symbolischen Kleinbetrag gibt es hier viele gebrauchte Sachen für den Lebensbedarf. Kleidung, Spiele, Schuhe, Bücher, Porzellan oder Bettwäsche - alles gespendet.

Sparen durch den Besuch der Wärmestube: Manche tun es. Viele nicht, aus Scham oder Stolz. Selbst K. hat schon gegrübelt: "Ist es gerechtfertigt, dass ich hierher komme? Vielleicht gibt es Leute, die es noch dringender bräuchten?"



Fragen & Antworten

Was ist Grundsicherung im Alter? Wer im Alter ein so geringes Einkommen oder Vermögen hat, dass es für den Lebensunterhalt nicht oder nicht ganz ausreicht, erhält vom Staat eine Leistung nach dem Zwölften Buch Sozialgesetzbuch (SGB XII). Diese Grundsicherung erhalten Menschen, die in Deutschland wohnen und die Altersgrenze für die Rente erreicht haben - im Moment Leute ab einem Alter von 65 Jahren und vier Monaten. Die Grundsicherung selbst ist keine Rente! Sie wird aus Steuermitteln finanziert und vom Sozialhilfeträger gezahlt. Sie gibt es unabhängig davon, ob jemand bereits einige Euro Rente erhält.
Die Höhe der Grundsicherung setzt sich aus dem Regelbedarf für den Lebensunterhalt (derzeit 399 Euro im Monat) sowie angemessenen Kosten der Unterkunft und den Heizkosten zusammen.

Erhalte ich auch Geld, wenn die Kinder für mich sorgen könnten? Ja. Anders als bei der Sozialhilfe wird bei der Grundsicherung grundsätzlich nicht auf das Einkommen der Kinder zurückgegriffen. Es gibt jedoch eine Ausnahme: Wenn das jährliche Bruttoeinkommen eines Kindes über 100 000 Euro liegt, ist der Rentner von dieser Leistung ausgeschlossen.Ob und wie viel Geld jemand erhält, hängt aber vom eigenen Vermögen und dem des Ehegatten ab. Wer also eine hohe Rente bzw. Pension bekommt oder Einnahmen aus Miete oder Pacht erhält, wird natürlich nicht berücksichtigt. Zum Vermögen zählen auch Bargeld, Wertpapiere, Sparguthaben oder der Pkw. Allerdings wird den Leistungsbeziehern ein geringer Vermögensfreibetrag gewährt. 2600 Euro sind frei. Auch für den Ehegatten werden 614 Euro nicht angerechnet.

Gibt es automatisch Geld, oder an wen muss ich mich wenden? Ohne Antrag geht gar nichts! "Jede Leistung braucht einen Antrag. Woher soll man es denn sonst wissen. Wir haben nicht den gläsernen Bürger", sagt Jan Paeplow, Pressesprecher der Deutschen Rentenversicherung Bayern Süd. Der Rentenversicherungsträger informiert zwar bei Bedarf über die Grundsicherung und schickt auch einen Antrag zu. Zuständig für diese Leistung sind aber die Städte und Landkreise. Über einen Antrag entscheidet also das Sozialamt des Wohnsitzes (Stadtverwaltung/ Landratsamt). Leute auf dem Land können den Antrag auch direkt bei der Gemeindeverwaltung abgeben. Bearbeitet wird er dann im Landratsamt. Die Zahlung erfolgt ab Antragstellung jeweils für zwölf Monate. Danach muss ein neuer Antrag gestellt werden.

Ich lebe im Altenheim. Bekomme ich da etwas? Ja. Auch Menschen, die in einer stationären Einrichtung leben, können Grundsicherung erhalten. In Bayern sind in diesen Fällen die Bezirke als sogenannte überörtliche Sozialhilfeträger zuständig. Die Grundsicherungsleistung sichert dann den Bedarf, der in einer häuslichen Umgebung entstehen würde. Für den nicht gedeckten Bedarf innerhalb einer Einrichtung werden gegebenenfalls ergänzende Leistungen gewährt - etwa "Hilfe zur Pflege" oder "Hilfe zum Lebensunterhalt". Laut Christian Porsch, Pressesprecher des Bezirks Oberfranken, ist in den vergangenen Jahren auch in den stationären Einrichtungen die Zahl der Leistungsbezieher spürbar gestiegen. Entsprechend erhöhten sich für den Bezirk auch die Ausgaben ("Hilfe zur Pflege", netto) - von 29 Mio. Euro im Jahr 2012 auf 31,2 Mio. Euro im Jahr 2013.