"Wegschauen ist keine Lösung": Franken erhalten Ehrung - eigenes Leben riskiert

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Franken erhalten Courage-Medaille für mutiges und beherztes Einschreiten
Walter Reininger (l.) und Volker Schmitt (r.) stehen an einem Geländer. Die beiden Männer werden für ihren vorbildlichen Einsatz bei einem Messerangriff in einer Firma in Mellrichstadt mit der ...
Franken erhalten Courage-Medaille für mutiges und beherztes Einschreiten
Pia Bayer/dpa

Ein Mann kommt morgens zur Arbeit - und greift er wie aus dem Nichts eine arglose Kollegin an. Zwei Kollegen riskieren ihr Leben, um zu helfen - und werden nun mit anderen mutigen Helfern geehrt.

22 engagierte Bürger sind von Innenminister Joachim Herrmann (CSU) mit der Courage-Medaille geehrt worden. Zu ihnen gehört auch Volker Schmitt, der sich am 1. Juli 2025 um kurz nach sieben Uhr in seinem Büro beim Stromversorger Überlandwerk Rhön in Mellrichstadt (Kreis Rhön-Grabfeld) mit einer Kollegin unterhält, als ein junger Kollege hereinstürmt und die Frau mit einem Messer attackiert

Der Vorgesetzte, heute 57 Jahre alt, zögert nicht - er ruft um Hilfe und stürzt sich mit bloßen Händen auf den Angreifer. "Für mich war sofort klar, dass ich hier helfen muss", sagt Schmitt heute. Sein Kollege Walter Reininger eilt aus dem Nebenzimmer herbei und packt den Angreifer.

Auszeichnung mit Courage-Medaille - mutiges Eingreifen fat mit Leben bezahlt

Doch auch das mutige Eingreifen der Kollegen kann die 59-jährige Kollegin nicht retten. Sie stirbt an den gezielten Stichen. Schmitt wird lebensgefährlich verletzt und überlebt nur durch eine mehrstündige Notoperation. Auch Reininger erleidet schwere Verletzungen.

Gut ein Jahr später werden beide zusammen mit 20 anderen mit der Courage-Medaille geehrt. Diese zeichnet Menschen aus, die sich durch ihr mutiges und beherztes Einschreiten auf besondere Weise um die Innere Sicherheit verdient gemacht haben. Neben der Courage-Medaille wird in Bayern auch die Christophorus-Medaille verliehen. Sie geht an Menschen, die andere aus Lebensgefahr retten.

Als der damals 21-Jährige, der inzwischen wegen Mordes verurteilt ist, vor seinen Augen mit dem Messer auf die Kollegin losging, überlegte Schmitt nicht: "Was machst du jetzt? Gehst du raus? Oder wartest du bis jemand kommt?" Er erinnert sich, dass er "Hilfe!" und "Polizei!" rief und mit dem Angreifer kämpfte - dann habe er keine Erinnerung mehr, sagt Schmitt.

Keine Millisekunde gezögert

Auch sein Kollege Reininger zögert nicht und greift sofort ein. Er habe "keine Sekunde, keine Millisekunde" überlegt, ehe er dem Kollegen zu Hilfe eilte. Er sei sich sicher, "dass wir das uns nie hätten verzeihen können, wenn wir den Raum verlassen hätten und der Täter ersticht jemanden - und wir wissen nicht: Hätten wir es verhindern können?" Damit zu leben, wäre noch schwerer gewesen, sagt Reininger.

Mit einem weiteren Kollegen gelang es Reininger schließlich, dem Angreifer das Messer aus der Hand zu winden und ihn mit weiteren zu Hilfe eilenden Kollegen zu fixieren, bis die Polizei kam. Es habe sich einmal mehr gezeigt, dass man zusammenstehen müsse. "Zusammen ist man immer stärker als alleine", sagt Schmitt. Nur gemeinsam sei es gelungen, den Angreifer unschädlich zu machen.

Beide leiden bis heute: Schmitt, der wie durch ein Wunder überlebte, auch körperlich. Die Hand, an der das Messer des Angreifers die Sehne durchtrennte, kann er bis heute nicht richtig benutzen. Die Narbe dort und eine weitere 25 Zentimeter lange Narbe am Bauch erinnern ihn täglich an das Geschehen. Reininger, der unter anderem einen zehn Zentimeter tiefen Stich am Bein erlitt, ist körperlich genesen.

Die schlimmen Bilder bleiben

Die Seele hat sich bei beiden jedoch noch lange nicht erholt. "Es geht kein Tag, an dem diese Gedanken, diese Gedankenlast nicht kommt. Gerade vor dem Einschlafen gibt es auch so lange Phasen, in denen ich einfach nicht einschlafen kann, weil die Bilder immer wieder hochkomme", berichtet Schmitt. Er arbeitet wieder in seinem alten Job - auch um abgelenkt zu sein.

Auch Reininger wird die Erinnerung nicht mehr los. Wenn er von Messerattacken hört, bricht ihm der Schweiß aus - manchmal sogar schon beim Anblick eines Messers. Auch ihn quälen noch immer die Bilder. "Das hat Spuren einfach hinterlassen, die werden auch für immer bleiben." Reininger, bald 64 Jahre alt, ist nicht in den Job zurückgekehrt. Beide sind bis heute in Therapie, um das Geschehen zu verarbeiten.

Dennoch sind beide überzeugt, dass es richtig war, einzugreifen. "Wegschauen ist keine Lösung", sagt Reininger. Alles andere, da sind sich beide damals wie heute einig, sei keine Option gewesen.

Nicht mit Auszeichnung gerechnet

Der Prozess gegen den Täter, der zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, bedeutete für beide eine weitere Belastung. Immer wieder war in dem Verfahren von einer regelrechten Hinrichtung die Rede.

Schmitt sagt, er blicke nach wie vor "mit großem Unverständnis und mit Wut" auf den Mörder. Er habe so viel Unheil und Leid vor allem über die Familie des Opfers gebracht. Er habe die Kollegin brutalst ermordet, die Mann und Söhne zurücklasse, die bis heute tief trauerten. Warum der junge Mann einen - wie er selbst angab - Hass auf die Kollegin hatte, sei nie ganz klar geworden. Die Frage nach dem Warum beschäftigt Schmitt und Reininger noch immer. Mit einer Auszeichnung hatten beide nicht gerechnet. Es sei gut, dass der Preis grundsätzlich ein Zeichen gegen das Wegsehen setze.

Die Empfänger der Medaille kommen aus allen Teilen Bayerns. Sie haben sich in unterschiedlichsten Situationen für die Sicherheit und für ihre Mitmenschen eingesetzt: laut Ministerium etwa nicht nur bei Messerangriffen, sondern auch zur Verhinderung von Sexualdelikten, bei Raubüberfällen und Betrugsmaschen durch "Schockanrufe" oder falsche Polizeibeamte sowie bei der Vereitelung von Einbrüchen und illegaler Schleusung.

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