Auch beim vierten Ausbildungsjahr gibt es erhebliche Unterschiede. In elf der untersuchten Branchen ist eine Vergütung für ein viertes Jahr vorgesehen. Am höchsten fällt sie im westdeutschen Bauhauptgewerbe aus: Gewerbliche Auszubildende erhalten dort 1714 Euro im Monat. Im Kfz-Gewerbe in Thüringen liegt der Wert mit 1224 Euro am niedrigsten.
Tarifvertrag macht einen großen Unterschied
Neben den Branchen spielen auch regionale Unterschiede eine Rolle. Nur in acht der untersuchten Tarifbereiche gelten bundesweit einheitliche Ausbildungsvergütungen. In neun weiteren Branchen unterscheiden sich die Beträge zwischen Ost und West. Besonders groß ist die Differenz in der Textilindustrie mit 140 Euro, gefolgt vom Kfz-Gewerbe mit 130 Euro und dem Gastgewerbe mit 105 Euro.
Für einen erheblichen Teil der Auszubildenden gelten solche Tarifregelungen allerdings gar nicht. Nach Angaben des WSI absolvieren rund 45 Prozent ihre Ausbildung in Betrieben ohne Tarifvertrag. Dort können die Vergütungen deutlich niedriger ausfallen. In solchen Fällen kann auch die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung greifen, die derzeit bei 724 Euro im Monat liegt.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund fordert deshalb eine höhere Untergrenze. Die Mindestausbildungsvergütung sollte nach seiner Forderung mindestens 80 Prozent der durchschnittlichen tariflichen Ausbildungsvergütungen erreichen. Für das erste Ausbildungsjahr würde das derzeit 894 Euro im Monat bedeuten.
Ausbildungsvergütungen steigen weiter
Die höheren Vergütungen sind Teil eines längerfristigen Trends. Im Ausbildungsjahr 2025/26 legten die tariflichen Ausbildungsvergütungen im ersten Ausbildungsjahr durchschnittlich um 3,9 Prozent zu. Damit fiel der Anstieg zwar geringer aus als im vorherigen Ausbildungsjahr, dennoch entwickelten sich die Ausbildungsvergütungen erneut stärker als die regulären Tarifentgelte.
Besonders kräftige Erhöhungen gab es in einigen einzelnen Tarifbereichen. In der ostdeutschen Textilindustrie stiegen die Ausbildungsvergütungen um 7,6 Prozent, im Versicherungsgewerbe um 7,4 Prozent und im privaten Transport- und Verkehrsgewerbe in Nordrhein-Westfalen um 7,0 Prozent. Auch im öffentlichen Dienst, in der Pflege bei Bund und Gemeinden sowie in der Holz- und Kunststoff verarbeitenden Industrie in Sachsen gab es überdurchschnittliche Zuwächse.
Langfristig zeigt sich ebenfalls ein deutlicher Unterschied zwischen Ausbildungsvergütungen und Tariflöhnen. Von 2015 bis 2025 erhöhten sich die Tariflöhne um 35 Prozent, während die durchschnittlichen tariflichen Ausbildungsvergütungen um 47 Prozent zulegten. WSI-Tarifexperte Thorsten Schulten führt die stärkere Entwicklung vor allem auf Dienstleistungsbranchen zurück, die traditionell niedrigere Vergütungen bieten und angesichts des Fachkräftemangels mit höheren Ausbildungsgehältern um Nachwuchs werben.