Man stelle sich vor: Nachts wacht man mit quälenden Bauchschmerzen auf, ruft einen Bereitschaftsarzt, und wer klingelt an der Tür? Ein Psychotherapeut! Kein Witz, sondern Wirklichkeit, seitdem neuerdings alle Ärzte mit Approbation und kassenärztlicher Zulassung verpflichtet sind, Bereitschaftsdienste zu leisten - und zwar auch solche, die über keine allgemeinmedizinische Praxisroutine verfügen.

Ganz egal, ob Augen-, Haut- Röntgenärzte oder Pathologen, ja selbst Psychiater und ärztliche Psychotherapeuten sind seit 20. April zum Bereitschaftsdienst verpflichtet. "Dies ist der Stichtag zur Einbeziehung von bislang von den Diensten befreiter ärztlicher Fachgruppen", bestätigt Dr. Beate Reinhardt, praktizierende Ärztin in Effeltrich und regionale Vorstandsbeauftragte der Kassenärztlichen Vereinigung (KVB) für den Bezirk Oberfranken.

Allgemeine Verunsicherung
Führt diese Neuregelung nicht zu einer Verunsicherung - sowohl bei den Patienten als auch bei den Ärzten?, wollen wir von Ernst Schlereth wissen, der bei der KVB Regionalleiter für den ärztlichen Bereitschaftsdienst in Franken ist. "Das mag sein", gibt er zu. Aber jeder Arzt habe kraft seiner Ausbildung die Befähigung für einen Bereitschaftsdienst und könne sich gegebenenfalls auch noch zusätzlich auf die Anforderungen vorbereiten.
Beate Reinhardt konkretisiert: Um den Einstieg in den Bereitschaftsdienst für die bisher nicht herangezogenen Fachgruppen so einfach wie möglich zu machen, biete die KVB Fortbildungskurse an, in denen das Wissen um den Bereitschaftsdienst "aufgefrischt, vertieft oder erweitert werden kann". Dieses Angebot finde großen Anklang. Falls gewünscht stünden den neuen Fachgruppen auch so genannte "Patenärzte" zur Verfügung.

Grundsätzlich stellt die KVB-Vorstandsbeauftragte fest, dass alle Vertragsärzte, unabhängig von ihrer fachärztlichen Ausbildung oder Spezialisierung, für die Sicherstellung des Bereitschaftsdienstes gemeinsam verantwortlich seien. Bereitschaftsdienstleiter Ernst Schlereth, verweist überdies darauf, dass es für für die Ärzte die Möglichkeit gebe, über eine "Vertreterbörse" einen "Ersatzmann" für den Bereitschaftsdienst zu finden.

Auch ein Vertretungspool mit Nicht-Vertragsärzten - dies sind Mediziner ohne Niederlassung - werde kontinuierlich aufgebaut, ergänzt Beate Reinhardt. Ein genaues Startdatum könne man aber noch nicht nennen. Aus Oberfranken lägen bislang 68 Interessenbekundungen vor.

Ärzte ziehen vor den Kadi
Laut KVB sei die Resonanz in der Ärzteschaft "überwiegend positiv". Aber es gibt auch Mediziner, die sich den Bereitschaftsdienst nicht zutrauen und gegen die Dienstverpflichtung klagen. "Unseres Wissens sind derzeit acht Klagen beim Sozialgericht zu der Thematik bislang vom Dienst befreiter Arztgruppen anhängig", bestätigt KVB-Sprecherin Beate Reinhardt. Wie der Obmann der Dienstgruppe Forchheim, Dr. Thomas Fiermann , berichtet, sei das Hauptargument verunsicherter Kollegen, dass sie vor 30 Jahren das letzte Mal ein Stethoskop in der Hand gehabt hätten. Die Verunsicherung sei für ihn verständlich, gibt der Obmann zu. Schließlich gehe es auch um rechtliche Fragen: "Kann mir jemand ans Bein treten, wenn mal eine Diagnose falsch ist?"

Auf der anderen Seite dürfe man den Bereitschaftsdienst nicht mit einem Notarzteinsatz vergleichen. Bei Gefahr für Leib und Leben sei der Notarzt zuständig. Bei "unklaren Geschichten" sollte der Bereitschaftsarzt Rücksprache mit den Krankenhauskollegen halten.

Versorgung gewährleistet
Wichtig sei, so Thomas Fiermann: "Die ärztliche Versorgung und Qualität ist gewährleistet." Auch der Vorstandsvorsitzende des Ärztenetzwerkes UGeF, mit einer Bereitschaftspraxis im Gesundheitszentrum beim Klinikum Forchheim, Dr. Joachim Mörsdorf, betont: "Für den Patienten besteht kein Risiko - weil nur Ärzte kommen, die sich für den Dienst weitergebildet haben." Eine Ärztin, die nicht genannt sein will, sieht es kritischer: "Der Patient ist auf Gedeih und Verderben dem ausgeliefert, der da kommt."